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GastroGuide-User: x2x
hat Goldalm Restaurant in 42103 Wuppertal bewertet.
vor 3 Monaten
"Alpen-Gastro 4.0. Ohne Hüttengaudi, ohne Florian Silberfischer, ohne Hansi Hinterseer."

Geschrieben am 04.11.2020 | Aktualisiert am 04.11.2020
Besucht am 30.10.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen
* Freitag, der 30.10.2020. Noch 3 Tage bis zum Corona Light Lockdown. Noch 3 Tage die Chance einen gastronomischen Betrieb aufzusuchen, dann ist erst mal für rund 4 Wochen Schluss. Vier Wochen, in denen in Deutschland die Gastronomie komplett geschlossen bleibt.

* Hasimausi machte an dem besagten Freitag den Vorschlag, am Abend noch einen kleinen letzten Kneipenbummel zu absolvieren. Ich fand die Idee hervorragend. Weniger allerdings ihren Vorschlag, vor dem Bummel im neuen Bistro-Restaurant "Goldalm" zu essen. Die "Goldalm" hatte gerade erst vor 10 Tagen auf der Wuppertaler Gastromeile (Herzogstraße) eröffnet. Ich ahnte Böses. Bei Alpen-Gastronomie fällt mir ein: Hüttengaudi, Dirndl-Trachten-Lederhosen-Service, Bier aus Literkrügen (0,5 ltr. sind Damen Krügerl) und aus den Lautsprechern trällern irgendwelche Spatzen aus Kastelruth, Super Ski Blondie Hansi Hinterseer oder Florian Silberfischer. Nein Danke, nicht meine Welt. Meine Dame machte mir klar, dass die "Goldalm" wohl so nicht ausgerichtet ist. Verspricht die Werbung doch: 

"Eine junge und lebhafte Gastronomie, welche die Alpenklassiker neu in Szene setzt." 

Nun denn, was Hasimausi sich in den Kopf gesetzt hatte, war wie fast schon immer entschieden. Ein Widerstand von meiner Seite wäre zwecklos gewesen. Es steht zwar in der Bibel "das Weib sei dem Manne untertan", ich erlebe es vielfach umgekehrt.

* Wir hatten reserviert. Wir traten ein und wurden sehr freundlich begrüßt. Erste positive Überraschung, nichts von Hüttengaudi Ambiente und keine störende alpenländische Volksmusik. Vielmehr ein modernes, stylisches Innendesign. Ein sympathischer junger Mann führte uns zu unserm Tisch. Ich fühlte mich bereits wohl. Wir schauten uns die Karte an. Etwa 10 Biersorten vom Fass erzeugten meine Aufmerksamkeit, dazu noch mal so viele aus der Flasche. Am Tisch erschien ein gut gelaunter Kellner und fragte nach unseren Getränkewünschen. Hasimausi sprach die Bitte aus, noch einige Minuten zu warten, "da mein Mann bei dem umfangreichen Bierangebot noch ein paar Minuten benötigt". Jeder normale DDK (Deutscher-Durchschnitts-Kellner) hätte das akzeptiert. Nicht so der erfrischend junge Mann von der "Goldalm". Seine Antwort: "Probieren doch mal unser Bier-Probierset. Wir servieren Dir 5 verschiedene frisch gezapfte Biersorten, jeweils in 0,1 ltr. Gläschen". Prima - ich fand die Idee gut, also bitte her mit dem Probierset. Hasimausi entschied sich für ein dunkles Paulaner, naturtrüb im 0,5 ltr. Damen Krügerl. 

* Der Blick in die Karte. Hier gibt es den Weidmannsheil-Burger mit Leberkas, die Brotzeit Seppl, Bergwiesen Salat, Käsespatzen, genau so wie die Rostbratwürste aus der Heimatstadt des zukünftigen Bundeskanzlers Markus Söder, oder Sissis Kaiserschmarren. Allerdings auch stinknormale Rindersteaks, abseits der bajuwarischen Küche. Die Küche versprach "das man den Alpen Klassikern hier ein neues Gesicht verpasst". Weiter hieß es, "das traditionelle Küche nicht mit einer verstaubten Atmosphäre in Verbindung gebracht werden muss."

* Nun denn, die Getränke wurden serviert. Vor mir stand ein etwa 60/70cm langes Brett. Darauf fünf 0,1 ltr. Mini-Bierchen, wie versprochen. Ich probierte zunächst eine dunkle Version. Schon war der emsige, freundliche Almgold-Kellner wieder bei mir, ausgestattet mit der Frage, ob das so okay wäre. Ich bestätige es, bemerkte aber das ich ja nicht sehen könnte, welches Bier ich da gerade trinke, denn die Gläser waren nicht beschriftet. Er klärte mich auf. Hat man das Glas ausgetrunken, erblickt man dann unten durch das leere Glas im Glasboden, das Logo der Biermarke/Sorte, die man getrunken hat. Wichtig ? Nee, aber ein netter Gag. 

* Wir bestellten unser Essen:

> Als Vorspeise die Seppl Platte für uns beide.
> Als Hauptgerichte für meine Dame die Haxenpfanne, für mich Zwiebelrostbraten aus Bavaria.

* Ich hatte die 5 Biersorten inzwischen final probiert und geleert und mich dann für ein Bayreuther Hell entschieden, was mir bei der Bierprobe angenehm aufgefallen war. Während wir auf unser Essen warteten, der übliche und leicht kritische Rundumblick. Nein es gab nichts zu meckern. Erfrischend das moderne, stylische Ambiente, jenseits jeder klassischen Bavaria-Austria Ausstrahlung. Einzige ganz kleine kritische Anmerkung, es war ein wenig zu dunkel. Ansonsten hätte man draußen die Goldalm Außenwerbung auch austauschen können, z.B. mit dem Schriftzug BISTRO 4.0. Das einzige was in diesem Gastro-Betrieb an die Alpen erinnert, ist das Essen und sind die Getränke. Was ich allerdings ausdrücklich als sehr angenehm erlebt habe. Und das Publikum ? Ganz weit weg, von 1 ltr. Maß trinkenden Mächtigkeitstrinkern, sondern alles quer von alt bis jung, angenehme Gastrobesucher.

* Serviert wurde die Vorspeise. Frisches Brot, Schinken vom alpennahen Schwarzwald (warum keiner aus Tirol ?), Wurstsalat, kalter Schweinsbraten, Käse aus dem Emmental, Obatzda und Allgäuer Limburger und dazu ganz viel "jute Butter". Das Brot war wirklich frisch, ganz frisch, der Schinken wunderbar, Käse etc. Klasse. Eine sehr rustikale Vorspeise. Wir waren damit beide hoch zufrieden. Eine wunderbare Grundlage für das Bayreuther Hell. Selbst Hasimausi orderte das nächste Damenkrügerl.

* Die Pause bis zu den Hauptgerichten war großzügig. Der aufmerksame Service hatte extra gefragt, wann denn die Hauptgerichte serviert werden sollten. Dabei fiel uns immer wieder auf, wie charmant und erfrischend diese jugendliche Service Truppe agierte. Eine Beziehung zum Gast wurde schnell aufgebaut. Immer der aufmerksame Blick für leere Gläser und Teller, fast immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Der Gast wird geduzt, was für uns völlig okay ist. Klasse Team, scheint gut motiviert zu sein und das 10 Tage nach der Eröffnung und 2 Tage vor der 4-wöchigen Corona Schließung.

* So einmal den Zwiebelrostbraten, einmal die Haxenpfanne. Meine gebratenen Roastbeef-Scheiben machten einen guten Eindruck, rosa auf den Punkt gebraten. Für mich mit zu vielen Zwiebeln belegt, aber die muss man ja nicht zwingend verzehren. Die Bratkartoffeln knusprig und frisch. Selbstgemacht ? Kann sein, jedenfalls waren sie oberhalb von okay. Das die über das Fleisch vergossene Sauce eine Malzbiersauce war, schmeckte ich nicht. Wobei Malzbier zu meinen persönlichen Geschmacksfeinden gehört. Fazit. Gut, Schulnote 2. Meine Zufriedenheit teilte mein Dame mit mir. Ihre Haxenpfanne bestand nicht aus eine dieser tischfüllenden Haxen. Vielmehr was das Haxenfleisch bereits ausgelöst und wurde in einem Pfännchen serviert. Dazu Sauerkraut und Bratkartoffel. Hasimausi lobte alles, sogar die Malzbiersauce, die man auch über ihr Fleisch vergossen hatte. Ehrlich gesagt, so robust-rustikal waren wir lange nicht essen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, im Ranking von "GUT und * SEHR GUT, belegte die Vorspeise (Seppl Platte) die Position Nr. 1. 

* Der Service - alle Maidl und Buben waren in langen schwarzen Schürzen gewandet, aber nicht im Pseudo-Alm-Öhi Trachtengewand - fragte nach einem Dessert. Wie bekannt reizt mich Süßes eher selten. Was mich allerdings auf der Karte reizte, war Sissis Schmankerl, der Kaiserschmarrn. Hasimausi zog Hüttli vor, so wurde hier der Apfelstrudel mit Vanilleeis benannt. Wir orderten beides. In den Kaiserschmarrn hätte ich mich hineinsetzen können. Lag vielleicht auch daran, dass ich dieses Dessert letztmalig vor Jahrzehnten gegessen habe. Das dazu servierte Birne Helene Eis stand in keinem kausalen Zusammenhang zu Helene Fischer, dem Herrgott sei gedankt. Mit anderen Worten ein Treffer. Nicht ganz so bei Hasimausi. Bei einem Apfelstrudel aus der alpinen Küche erwartet man im Regelfall einen warmen Strudel, was bei diesem Strudel nicht der Fall war. Seltsam wo doch hier das Schokoladenküchlein laut Karte warm serviert wird. 

* Abschluss: Ein ordentlicher Obstgeist von der Waldhimbeere und für Hasimausi einen milden Brand von der Goldaprikose.

Fazit:

Eine Gastronomie die anders ist als die vorhanden Gastronomie. In Wuppertal schließen immer häufiger Traditions-Gastro-Betriebe, aber es eröffnen immer häufiger neue junge und kreative Gastronomen, mit neuen Ideen und Konzepten. Hier in der "Goldalm" hat man in der Küche nichts neues erfunden, man verpackt nur das Traditionsessen neu. Die Gastro-Expansion im Tal an der Wupper wird weitergehen. Die nächsten Neueröffnungen stehen an, z.B. mit einem Restaurant das die Küche aus Hawaii anbieten wird. Ebenso hat gerade ein ehemaliger Mitarbeiter von Sternekoch Sascha Stemberg sein Restaurant (Jan-Ufaktur) einen Tag vor dem Lockdown eröffnet. Es bewegt sich also was. Unser Fazit für die "Goldalm": Überzeugte 4 Sterne für das Essen. Das gleiche für das Ambiente, auch 4 Sterne. Gerne und überzeugt volle 5 Sterne für den Service. Das PLV überzeugte mit 4 Sternen. Unser Gesamteindruck, 4,5 Sterne. Und wie man sanitäre Anlagen heute gestaltet, dazu muss man nicht zwingend ein neues 5 Sterne Hotel a la Hilton oder Radisson besuchen. Da kann die "Goldalm" gut mithalten. 

Dem Team wünschen wir einen guten zweiten Neustart, nach dem November Lockdown. 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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