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GastroGuide-User: marcO74
hat Landhaus Kuhsiel in 28357 Bremen bewertet.
vor 5 Monaten
"Auf dem Wümmedeich ist noch keiner verhungert!"

Geschrieben am 23.02.2020
Besucht am 28.12.2019 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 20 EUR
Es war Tag 1 nach Grashoff. Der stand natürlich primär im Zeichen der Ausnüchterung und Erholung von der Nacht zuvor. Entsprechend spät am Mittag fuhren meine Frau und ich in Richtung Lehester Deich, um uns entlang der Wümme ein wenig die Beine zu vertreten. Ein wenig Oberblockländer Luft konnte ja nicht schaden.
 
Das kulinarische Ziel des Abends stand zu dem Zeitpunkt schon fest. Wie im letzten Jahr sollte es im familiären Kreis zum griechischen Gotterböten der Neuen Vahr Nord, den von mir bereits rezensierten Hellenentempel Hermes, gehen.
 
Wie hungrig der Körper doch immer wieder auf die Kombination aus frischer Luft und Bewegung reagiert. Dieses mir nicht gänzlich unsympathische Phänomen brachte eine Spontaneinkehr im direkt am Wümmedeich gelegenen Landhaus Kuhsiel mit sich.
 
Meine Frau war von dieser Idee weitaus weniger begeistert, da sie sich noch genügend Hunger für die Vorspeisenplatte beim Griechen aufheben wollte. Auch auf die Gefahr hin, dass ich wohl der einzige am Tisch mit Essenswunsch sein würde, betraten wir das vor knapp drei Jahren komplett renovierte Traditionslokal, das schon von außen einen sehr gepflegten Eindruck machte.
 
Das für seine Kohlfahrten bekannte Ausflugslokal wird seit dem Frühjahr 2017 von der Gastronomin Galyna Bielefeld geführt. Diese hatte schon vorher Erfahrungen in verschiedenen Bremer Lokalitäten gesammelt (zum Beispiel im Restaurant „Zum Platzhirsch“ in Bremen-Lehe), ehe sie sich dazu entschloss, aus der „alten Muffbude“ einen mit wertigen Materialien ausgestatteten, äußerst ansprechend wirkenden Landgasthof zu machen.
 
Und so staunten wir nicht schlecht, was sich hinter der schmucken, von dunklen Holzbalken und hellem Klinker gesäumten Fassade befand. Beim zeitgemäßen Bistromobiliar dominierte helles Holz, das sich nicht nur in Form der blanken Tischplatten wiederfand, sondern auch als freiliegende Deckenbalken und raumteilende Säulen zugegen war. Neben einfachen Sitzgelegenheiten aus dunkel lackiertem Holz, waren auch ein paar wesentlich bequemere Schalensessel auszumachen. Diese allerdings nur vereinzelt.
 
Spots von der Decke, Vintage-Lampen und indirekte Decken- und Wandfluter sorgten in der Summe für angenehme Lichtverhältnisse. Der in der Mitte des Gastraums platzierte Kamin bildete dabei sozusagen das lauschige Epizentrum des Landhauses. Um ihn herum gruppierten sich ein paar gepolsterte Sessel. Es gibt sicher schlechtere Orte, um sich nach einem Winterspaziergang aufzuwärmen.
 
Mit den ausliegenden Kuhfellen holte man ein wenig Alpenflair an den Wümmedeich. Sicher wollte man auch bei der Einrichtung dem Namen des Gasthofs ein wenig Rechnung tragen. Damit erklärte sich auch das überdimensionale Porträt einer Kuh, das den gegenüberliegenden Wandbereich zierte. Zu unserer Linken befand sich der hell erleuchtete Ausschankbereich, der von inflationär vielen frei herabhängenden Glühbirnen ge“vintaged“ wurde. Rechts von uns prangte eine riesige Schiefertafel mit den Empfehlungen der Küche sowie ein paar Infos zum Mittagstisch und dem Frühstücksangebot.
 
Man reichte uns die Speisenkarten, die ein breit aufgestelltes Programm an regionalen (Labskaus, Bremer Knipp, Sauerfleisch, etc.) und gutbürgerlichen (Puten Cordon Bleu, Boeuf Stroganoff, gebratene Kalbsleber) Gerichten listete. Mit der Wümmeplatte kultivierte man die norddeutsche Brotzeit, mit den hausgemachten Teigtaschen (Quark-Kartoffel-Füllung) wurde Fleischverzichtern eine vegetarische Alternative geboten.
 
Ein paar Pastagerichte, diverse Salate und der leider nicht mehr wegzudenkende Flammkuchen (hier in vier verschiedenen Ausführungen) komplettierten den reichhaltigen Speisezettel des Landhauses.
 
Mir persönlich wäre weniger natürlich lieber gewesen. Denn eine derart große Palette an Gerichten geht zwangsläufig auf Kosten der Produktfrische. Aber gut, es sollte ja auch nur eine Kleinigkeit sein, die mir die Zeit bis zur abendlichen Hellenenkost verkürzen sollte. Da musste ich mich nun entscheiden und das fiel mir bei der opulenten Auswahl gar nicht leicht. Das Kräuterrahmsüppchen mit Stremellachs (6,50 Euro) lockte. Die mediterranen Weinbergschnecken mit Baguette (8,20 Euro) dagegen weniger.
 
Flammkuchen kam gar nicht in Frage. Das wäre einem Verrat am eigenen Alter Ego („Elsassinator“) gleichgekommen. Nein, es sollte etwas Deftiges aus der Region sein. Und da hier schon vor Urzeiten Torfkähne durch das benachbarte Siel schipperten, fiel meine Wahl auf die „Torf Schnitte“ (10,80 Euro) – einem hausgemachten Hackbraten im Bacon-Mantel mit dunkler Bratensauce, geschmortem Spitzkohl und Kartoffelstampf – genau die richtige „Kleinigkeit“, um gut gesättigt dem kalten Bremer Deichwind zu trotzen.
 
Noch heute hört man in diesem idyllisch-ländlichen Teil der Hansestadt an der Weser Teilnehmer von Kohlfahrten den alten Klassiker der Gruppe Torfrock grölen: „Unser Boss is’n Torfstechermeister, der zählt den Torf und Borgi heißt er…“. So weit, so nostalgisch.
 
Inzwischen hatte uns der freundliche Kellner eine Flasche Vilsa Mineralwasser gebracht (0,75l für 5,90 Euro). Der Alkoholentzug infolge des Vorabends war bitter nötig und in vollem Gange. Meine Frau erwärmte sich indessen an einem Latte Macchiato (3,70 Euro) und war genauso gespannt wie ich, was man dem Adular Zech aus der Pfalz da wohl auftischen würde.
 
Den üppig bestückten Teller für hungrige Torfstecher zierten zwei ordentliche Scheiben besagten Hackbratens. Auch mit der Beigabe von Spitzkohl wurde nicht geknausert. Ebenso verhielt es sich mit dem anständig gebutterten Kartoffelpüree, das seiner Form nach mit Hilfe einer Spritztüte den Weg auf den Teller fand. Gut, dass mich meine Frau in Sachen Spitzkohl ein wenig unterstützte. Das Püree war ohne Fehl und Tadel. Die beiden Hackfleischscheiben geizten nicht mit pikanter Würze. Dem nicht gerade homöopathischen Einsatz von Salz verdankte ich übrigens das problemlose Leeren der Mineralwasserflasche.
 
Trotzdem war es in der Summe ein positives Sättigungserlebnis im hübsch renovierten Landhaus am Wümmedeich. In Borgis Jugendrevier wildert man schließlich nicht alle Tage. Und wer die mehrgängigen Gaumenorgien des Bremer Vorzeigekritikers kennt, weiß auch, dass sein gut gedehnter Magen nicht von irgendwoher stammt. Denn auf dem Wümmedeich ist sicherlich noch kein Borgfelder verhungert.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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