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GastroGuide-User: marcO74
hat Weinstube Alte Kelter in 76829 Landau in der Pfalz bewertet.
vor 5 Jahren
"Ganz viel Pfälzer Lebensgefühl zwischen Sandsteinwänden und freiliegenden Balken"
Verifiziert

Geschrieben am 24.03.2015 | Aktualisiert am 24.03.2015
Es existiert eine neue Bewertung von diesem User zu Weinstube Alte Kelter
Besucht am 20.03.2015
Den wenigsten Weintrinkern ist der Name Johann Seeger Ruland ein Begriff. Auch der Bekanntheitsgrad der nach ihm benannten Rebsorte „Ruländer“ scheint eher gering zu sein. Dass es sich hierbei um den - nicht nur bei Pfalzweinfans - sehr beliebten und in den letzten Jahren stark boomenden Grauburgunder handelt, wissen meist nur Leute vom Fach.


Was hat das alles mit der Weinstube „Alte Kelter“ in Mörzheim bei Landau zu tun? Ganz einfach. Die namensgebende, im Innenhof der Weinstube zu begutachtende Kelter ist quasi ein Dinosaurier unter den Weinpressen. Sie stammt aus dem Jahre 1711(!!!) und hat damit rein rechnerisch schon über 300 Jahre auf dem Buckel bzw. auf der Spindel. Nun, exakt im selben Jahr entdeckte der gute Johann S. Ruland, der Legende nach in einem verwilderten Rebgarten eines Speyerer Schulrektors, die für ihn damals unbekannte Rebsorte und kelterte daraus den ersten Grauburgunder.

Einen solchen Grauburgunder gibt es selbstverständlich auch in dem nostalgisch eingerichteten Mörzheimer Weinlokal. Der Inhaber dieser urigen Pfalzweinstube heißt Günther Becker. Zusammen mit seiner Frau Anne-Rose Keller führt er die „Alte Kelter“ seit fast 30 Jahren mit viel Herzblut und einer gehörigen Portion Pfälzer Charme. Die angebotenen Weine stammen allesamt vom eigenen Weingut, das mittlerweile von seinem Sohn Stefan geleitet wird. Neben klassischen Rebsorten, wie beispielsweise Riesling, Kerner und Spätburgunder, werden auch „exotischere“ Varietäten, wie z.B. Merlot und Muskateller, an- bzw. manche davon sogar im Holzfass ausgebaut. Alle Weine lassen sich in der „Alten Kelter“ zu Viertelpreisen zwischen 3 und 4 Euro genießen. Mit leichter Wasserverdünnung kommen sie auch gerne im Schoppenglas als „Pälzer Schorle“ unter das durstige Volk.

Schon beim Eintritt in den gemütlich eingerichteten Gastraum merkt der Besucher, dass dieses rustikale Wirtshaus voller Geschichte und Geschichten steckt. Die Story zur Uralt-Kelter trug sich demnach so zu: für umgerechnet zwei Kisten Wein kaufte sie vor vielen Jahren Großvater Becker von einem Ortsansässigen ab, um aus den Balken Brennholz zu machen. 20 Jahre fristete dieses Relikt aus längst vergangenen Weinzeiten ein Schattendasein und lag zerlegt in der dunkelsten Ecke des Weingutes, ehe sie von Inhaber Günther mit Hilfe von Freunden wieder hergerichtet wurde und nun ihren Platz im lauschigen Innenhof des Anwesens gefunden hat. Bei einem guten Viertel lässt sich da in den Sommermonaten vortrefflich Heimat- mit Weinkunde verbinden. Das Nützliche kann ja manchmal so angenehm sein…

Mein letzter Besuch lag schon ein paar Jahre zurück. Wohlwissend, dass die 6 Tische im Inneren der ehemals als Stallung genutzten Gaststube recht schnell besetzt sind, habe ich vorsorglich reserviert. Günther Becker kennt seine Gäste – auch wenn sie mal ein paar Jährchen durch Abwesenheit glänzen. Diese vertraute, heimelige Atmosphäre ist das große Plus des Lokals. Überall hängen, liegen oder stehen Devotionalien früherer landwirtschaftlicher Nutzung. Einrichtungsgegenstände längst vergangener Zeiten, Steingut und Keramik, ein alter Schubkarren aus Holz, alte Wagenräder und jede Menge Gefäße unterschiedlichster Beschaffenheit verleihen dem von Sandsteinwänden und groben Eichenbalken geprägten Inneren fast schon Museumscharakter. Hier kommt jedoch keine aufgesetzte, falsche Folklore zum Vorschein, sondern ein dekoratives Sammelsurium, das an das einfache Leben früherer Zeiten erinnert und mit dazu beiträgt, dass sich bei den Gästen ein wohliges Gefühl heimatlicher Weinseligkeit einzustellen vermag.

Die Speisenkarte in der „Alten Kelter“ lässt sich als „übersichtlich“ bezeichnen. Einige herzhafte Schmankerl zum „Schobbe“, wie etwa das Schmalzbrot (2,50 Euro) oder die Hausmacherplatte (mit reichlich Leber- und Blutwurst, sowie Schwartenmagen für 8,50 Euro), lassen sich gut kalt genießen. Für die vegetarischen Weintrinker empfiehlt sich eines der zahlreichen Käsegerichte. Der darf der obligatorische Weiße Käse (mit Zwiebeln, frischem Schnittlauch und Bauernbrot für 5,50 Euro) nicht fehlen. Mit dem „musikalischen Handkäse“ (7,50 Euro) oder dem überbackenen Schafskäse (9,50 Euro) trifft man genauso die richtige Wahl zur Weinbegleitung wie mit dem würzigen Ziegenkäse-Pfännchen mit Knobisauce, Pepperoni und Tomaten (9,50 Euro). Alles einfache Gerichte, die jedoch als deftige Grundlage in Form kulinarischer „Präventivschläge“ dem weintrinkenden Gast verordnet werden sollten. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, damit dieser nicht als wasservernichtender Abstinenzler die Pfälzische Weinstubentradition ad absurdum führt.

Meine Freunde orderten zweimal das Pfälzer Winzersteak vom Schweinenacken, einmal mit Zwiebeln und einmal mit Kräuterbutter. Für 9 Euro kommt dieses 250 Gramm schwere Prachtexemplar mit kleinem Vorspeisensalat und leckerem Bauernbrot auf schweren Steingut-Tellern an den Tisch. Ein äußerst delikates und dazu noch sehr fair kalkuliertes Hauptgericht. Der Flammkuchen (7 Euro) meines Kollegen war traditionell mit Speck und Zwiebeln belegt, wäre aber auch in der vegetarischen „Käse-Lauch-Version“ zu haben gewesen. Mein Rumpsteak kam aus deutschen Landen (heute gar nicht mehr so häufig anzutreffen…), brachte ebenfalls klassische 250 Gramm auf die Waage und hatte auch die Kräuterbutter als Serienausstattung. Schön medium gebraten, strotzte es nur so vor Fleischsaft. Diese „Pfütze im Teller“ wurden mit zwei Scheiben Brot genussvoll aufgesogen. Mit Vorneweg-Salat stellte es für 15,90 Euro das teuerste Gericht auf der Karte dar. Leider ist dieses „Rindvergnügen“ nicht immer erhältlich. Aber eins ist sicher: es war die Anfrage wert. Beilagen können übrigens in Form von Pellkartoffeln (2,50 Euro) oder Bratkartoffeln (3 Euro) problemlos dazu geordert werden.

Zurück zum Grauburgunder. Ein wirklich sympathischer Tropfen, den ich da als Viertel vor mir stehen hatte. Seine feine Säure ließ der Frucht genügend Raum. Kompliment! Schon gut, dass es den Herrn Ruland aus Speyer gab. Und den Herrn Becker aus Mörzheim erst! Aber den nenne ich ja seit Jahren Günther. Etwas anderes wäre in dieser liebenswerten „Pfälzer Dialektstube mit Weinbegleitung“ gar nicht denkbar.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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