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GastroGuide-User: Nolux
hat Gebert's Weinstuben in 55118 Mainz bewertet.
vor 6 Jahren
"Es gibt manchmal Tage, da geht man abends ins Bett, ist glücklich, und denkt … „Heute war ein perfekter Tag“"

Geschrieben am 26.11.2014 | Aktualisiert am 26.11.2014
Besucht am 28.06.2014
Leider gibt es diese Momente nicht oft. Umso schöner wenn man sie erfährt.
So wie gestern. Der Tag begann (für einen Samstag) schon früh, neun Uhr Treffpunkt in Bingen am Rhein. Vor uns lagen 144 km Genuss an neun markanten Punkten quer durch Rheinhessen. Und als Abschluss sollte uns Familie Gebert in ihren Weinstuben verwöhnen. Was dann auch getan wurde…

Obwohl ich das Lokal im letzten Oktober erst bewertet habe, war und ist es der gestrige Abend wert, den Genießern hier eine lange Nase zu machen und meine Kritik von damals zu unterstreichen, bzw. stellenweise nach oben zu korrigieren.

Reserviert hatte ich für diesen Abend schon sechs Wochen zuvor, war der Tag schon fast ein Jahr im Voraus geplant. Auf meine Email hin rief mich Frau Gebert Tage später an um den Termin zu bestätigen. Damit war ein Teil des Glücks gebucht.
Um kurz nach 19:00 Uhr betraten wir, vorbei an einer Kneipe, die zeigte wie Brasilien gerade im Achtelfinale ins schwimmen kam, durch das große Tor und schließlich drei Stufen das Lokal. Das liegt in der Mainzer Neustadt, eine Minute vom Rheinufer entfernt.
Weinstube, wie es selbst genannt wird, trifft es nur bedingt. Gesehen an einer der besten Weinkarten in Mainz und den idyllischen Innenhof, in dem man unter einem Dach aus Rebblättern sitzt, könnte man zustimmen. Speiseangebot und Innenausstattung weisen doch eher auf ein Restaurant mit hohen Ansprüchen. Das Ambiente ist dann auch schon mein einziger Kritikpunkt. Man muss es wirklich mögen, dieses schwerfällige Raumgefühl aus Omas guter Stube und schwerem Barock. An den Fenstern lange, violette Vorhänge, von der Decke, zwar nicht kitschig oder dekadent wirkend, aber mächtig hängende Kristallleuchter. Kaum zu glauben, dass der Innenraum vor sieben Jahren so gestaltet wurde. Die Tische klassisch in weiß eingedeckt, schwere Stoffservietten, edles Besteck. Wein- und Wassergläser stehen schon bereit, ein Teelicht schimmert in einem unauffälligen Glas. Dazu frische Blumen. Die gut gepolsterten Stühle (auch in Violett) sind äußerst bequem.
Wir fünf saßen mitten im Raum, vor und hinter uns riesige Spiegel. Neben uns waren noch zwei weiter Tische besetzt mit fünf, bzw. sieben Gästen. Mehr kamen an diesem Abend auch nicht. Durch das Fenster kann man auf die Straße sehen und die Raucher einer gegenüberliegenden Kneipe, die draußen das Fußballspiel verfolgten. Nebenbei konnten wir auch ein bisschen mitgucken ;-)

Frau Gebert wurde an diesem Abend von einer weiblichen, jungen blonden Dame unterstützt, die uns zum Tisch geleitete und uns die Karte überreichte. Diese ist klein vom Inhalt, aber groß und schwer in der Aufmachung. Die separate Getränke- bzw. Weinkarte ist ein Segen für jeden Weinfreund. Da wird so einiges geboten was Weinland Rheinlandpfalz zu bieten hat, und das zu teilweise sehr fairen Preisen. Hauptsächlich Weingüter aus Rheinhessen (Manz, Werner, Keller, Wittmann, Wagner-Stempel, Bettenheimer) und Pfalz, dazu einige Weine von der Nahe, Ahr und Rheingau. Daneben Spezialitäten aus den „Great Wine Capitals“ (ein Zusammenschluss der exklusivsten und bekanntesten Weinbaustädte weltweit.)
Während wir also über der Speisekarte grübeln, wird uns ein Aperitif angeboten. Wir entscheiden uns dreimal für den Pinot-Rosé-Sekt (€ 4,80) und einmal für einen alkoholfreien Rhabarbermix (€3,80). Zum Spülen gab es zwei Flaschen Gerolsteiner stille Quelle (€6,00, naja…).
Zuvor gab es schon mal ein Körbchen mit frischem Baguette und leckerem, cremigen Kräuterquark, sehr frisch und auf Wunsch wäre auch noch mehr gekommen. Nach langem Überlegen konnten wir dann endlich die Bestellung aufgeben und anschließend über die Weinbegleitung philosophieren. Letzen Endes konnten wir uns aufgrund verschiedenster Gerichte nicht einigen und so orderte jeder dann ein Viertel (wird in einer Glaskaraffe serviert) nach persönlichem Gusto. Der jüngste der Runde gönnte sich ein dunkles Hefeweizen von den Kapuzinern (0,5 für €3,20).

Ludi incipiant!

Was nun folgt ist so mit das Beste was ich die letzten Jahre auf einem Teller vor mir liegen hatte.


Lauwarmes Carpaccio vom norwegischen Lachs mit Limonen & Honig-Kresse (€11,00)

Es war leider wirklich so gut wie es auf dem Bild ausschaut. Der Lachs nur so weit erwärmt, dass er angegart war, ohne das Eiweiß ausgetreten ist. Wunderbar aromatisch, das Beste allerdings die Vinaigrette drumherum. Schöne Säure, leicht süß, schmeichelte sie dem Lachs und gab dabei dem trockenen Weißburgunder vom Wgt. Manz (0,25 für €5,20) auch noch die Chance sein Können zu zeigen. On Top die Kresse und das kleine Salatbouquet vom „Gonsenheimer Acker“ nebst Blüte. Mehr als gut ausschauen tut die aber nicht. Mir ist diese Vorspeise trotz der Einfachheit, aber wegen des Geschmackerlebnisses 4,5* wert!


Quiche von Mangold & Schafskäse mit buntem Salat (€8,00)

Auch hier unglaublich, was die einfachen Dingen Spaß machen können. Die Quiche, serviert wie ein Stück Torte, war ein vegetarischer Traum aus Mürbteig, mildem Schafskäse, der präsent aber nicht dominant war, und feinem Mangold. Dieser war kurz angebraten und dann mit dem Käse und der ‚Royal‘ (Sahne-Ei-Mischung) vermischt und lecker mit ein wenig Muskat abgeschmeckt. Der Salat, auch hier vom „Gonsenheimer Acker“, bestand aus Senfblättern, Frisee, rote Beeteblättern und ein wenig Rucola. Auch hier eine Blüte, diesmal in Rot. Dazu ein klecks angemachter Schmand, der wohl der Quiche etwas frische bringen sollte, was aber eigentlich nicht nötig war. Dazu gab es einen trockenen Rheingauer Riesling vom Wgt. Freiherr von Langwerth Simmern (0,25 für 5,40): Auch hier 4,5*


Gepökelte Schweinebäckchen in Gelee auf Radieschenvinaigrette (€9,80)

Auf dem ersten Blick sah es nicht anders aus als eine dicke Scheibe Schwartenmagen, schmeckte eigentlich auch so, das aber sehr gut. Darunter eine Art Carpaccio vom Radieschen, stimmig nappiert mit der gleichen genialen Vinaigrette wie beim Lachs. Die Idee nachahmenswert, lecker und gut umgesetzt, daher 4*. Der Grauburgunder trocken vom Wgt. Beck – Hedesheimer Hof auch hier kongenial! (0,25 für €5,00).

Ein halbes Duzend Weinbergschnecken in Kräuterbutter (€8,80)
- serviert im Schneckenhäuschen –
Man kann es mögen oder nicht, ich jedenfalls nicht. Daher ohne Wertung. Es hat aber wohl geschmeckt…


Hausgebeizter Saibling mit Gonsenheimer Ackersalat (Vorspeise des Drei-Gang-Menüs für €34,00)

Optisch erst mal eine Enttäuschung aufgrund der geringen Menge. Geschmacklich aber wunderbar. Fünf Tranchen vom besten Saibling, sternförmig um den Salat angerichtet. Daher nur 3,5*


Das war schon mal ein Auftakt nach Maß, zwischendurch wurde noch Brot aufgefüllt, beim Abräumen der leeren Teller nach der Zufriedenheit gefragt. Nebenbei wurden wir noch Zeuge der Entscheidung im Elfmeterschießen bei der Fußball-WM, gingen die Fans auf der Straße doch lautstark mit. Frau Gebert verkündete auch hin und wieder die Zwischenstände der Partie. Doch das war alles nicht so spannend wie unsere Hauptgänge…


Knusprige Brust vom Perlhuhn mit grünem Spargelbund und Mandelbällchen (€22,00)

Die Brust sehr saftig, am Flügel gebraten, nur die Haut nicht mehr sehr rösch, wie man in Bayern sagt. Geschmacklich nichts auszusetzen. Der Spargelbund, umwickelt von Schinken, war wunderbar im Biss und auch sehr aromatisch. Dazu gab es noch gedünstete Stäbchen von gelber und roter Möhre und Kohlrabi. Die kleinsten Pfifferlinge wunderbar, suhlten sich in einer dunklen Sauce zum reinsetzen! Die Mandelbällchen (sowas wie eine Spezialität des Hauses), eine Art Krokette umhüllt von Mandelsplittern, wunderbar cremig und „kartoffelig“. Die Angeschmorte Cherrytomate war da nicht mehr als Deko. Bei diesem Gericht kann ich ob der handwerklichen und geschmacklichen Leistung nichts anderes als 5* vergeben! Sehr zu empfehlen!!!


In Burgunder geschmorte Rinderschulter mit Sommerwirsing, sautierten Pfifferlingen &Kartoffelpüree (Hauptgang des Drei-Gang-Menüs für €34,00)

Was in der Vorspeise des Menüs mengenmäßig noch fehlte war hier ausreichend vorhanden. Das Fleisch so zart, das es sprichwörtlich auf der Zunge verging, und vom Aroma her unbeschreiblich lecker. Dazu die kräftige Sauce und die feinen Pfifferlinge die jeden Wert waren. Für mich das Beste aber der Wirsing. Das kann ein so geniales Gemüse sein, wenn es perfekt gemacht ist. Und hier war es das. Ich bräuchte nichts anderes. Das Püree geriet da zur Nebensache. Auch hier 5*


Entrecôte Double (für zwei Personen á €23,00)
Doppeltes Rinderrippenstück mit Rotwein-Schalotten-Sauce, Schnippelbohnen und Kroketten

Das Entrecôte wurde im Ganzen am Tisch vorgelegt und nach der Fleischbeschau mit den Beilagen auf den beiden Tellern angerichtet. (auf dem Foto nur drei Scheiben, es wurden aber insgesamt jeweils sieben Scheiben verzehrt.) Das Fleisch butterzart, und so saftig das mir jetzt wieder das Wasser im Mund zusammen läuft. Die Sauce mit den Schalotten hät’s nicht gebraucht. Die Kroketten, natürlich handgemacht, waren wie sie sein sollten. Aber auch hier muss ich mich wieder für das Gemüse begeistern. Wo kriegt man heute noch so tolle Bohnen serviert, und nicht missbraucht als Füllung einer Speckscheibe. Die besten Bohnen seit Ewigkeiten. Dazu gab es noch frisch gebratene Champignons. Wäre das Fleisch jetzt noch besser gebraten gewesen, ohne diesen dicken grauen Rand, gäbe es auch hier die volle Punktzahl. Somit nur 4,5*. Dazu ein trockener Spätburgunder vom Wgt. Burggarten / Ahr (0,25 für €6,00). Feines Gerüst, nicht zu schwer, und passend zum Gericht.


Kotelett vom thüringischen Duroc-Schwein mit Kümmeljus, weißen Rübchen und Kartoffel-Blutwursttörtchen.

Da lob ich mir doch den Aufbau Ost! Qualitativ bestes Schweinefleisch, herrlich saftig und reichlich. Das Ding war bestimmt drei Zentimeter dick und lackiert mit der Kümmeljus. Das passte wunderbar. Das Törtchen von Kartoffel und Blutwurst ist auch wieder so ein Erlebnis, das zum Nachmachen animiert. Wunderbar das ausgehöhlte Mairübchen, gefühlt mit dem genialen Wirsing, on Top ein Köpfchen vom grünen Spargel. Hier gab es auch noch die Möhren- und Kohlrabistifte, ebenso die Pfifferlinge und die kräftige Sauce, die dem trockenen Ingelheimer Frühburgunder (leider weiß ich das Weingut nicht mehr, 0,25 für €7,60) beinahe die Grenzen aufzeigte. Als Gag gab es zwei knusprige Kartoffelchips auf dem Törtchen. Leider musste ich das Fleisch bis zum Knochen abnagen, es war einfach zu lecker… Da gibt es nur eines; 5*!


Was soll da noch kommen, fragt man sich. Wir hatten alle ein solches Grinsen im Gesicht, das selbst Frau Gebert mitgrinste und sich gerne unser Lob anhörte, als sie die leider leeren Teller abräumte. Da darf es auch gerne noch ein Dessert sein, dazu ein Schnäpschen. Die Auswahl hier ist ebenso gut, wie die des Weines. Viele Destillate aus Rheinhessen und ein paar internationale Klassiker. Wir gönnten uns zweimal einen Renekloden-Brand (€4,50) und einen Delamain XO (€5,80). Wir hatten schon schlechtere Digestifs ;-)
Aber selten so gute Nachspeisen..


Geeister Kaffee mit Praline(€4,50)

Der Klassiker des Hauses, ein Parfait vom Kaffee, mit selbst gemachter Praline. Hier keine Wertung, da nicht probiert. Kaffee ist nicht meins…

Kokosparfait auf Anananscarpaccio, Minzpesto und frischen Erdbeeren (€8,50)

Ein wunderbares Dessert, dem Parfait merkte man an, woraus es ist, wunderbare Kokosnote. Die Ananas etwas überrannt vom Minzpesto. War mir zu viel des Guten. Die Erdbeeren fachmännisch aufgeschnitten und wunderbar süß. Mir aber nicht mehr als 4* wert, auch wenn es das Fräulein anders sieht…

- Gartengelüste - Mousse von der Aprikose mit Beerengrütze (Nachspeise des Drei-Gang-Menüs für €34,00)

Auch wieder so was, was ich wahrscheinlich nie bestellt hätte. Aber es war einfach nur gut. Wunderbar cremig die Mousse und nach vollreifen Aprikosen schmeckend. Die Beerengrütze fein säuerlich, auch ohne Beanstandung. 4,5*


Kirschwasserbömbchen mit Schokoladenspänen und Ingelheimer Süßkirschen (€8,50)

Sehr leckeres Sahneparfait mit Kirschwassernote, nicht zu fest gefroren, war sehr angenehm zu essen. Dazu lauwarme, beschwipste Kirschen, die separat in einer Sauciere serviert wurden. Ein wunderbarer Abschluss des Menüs! 4,5*

Mittlerweile war es schon viertel vor zehn, am Nachbartisch schaute man Fußball auf dem Smartphone. Wir wollten nach Hause und so verlangte ich die Rechnung. Die kam auch kurze Zeit später, ich musste aber an die Theke (die es so dort eigentlich gar nicht gibt), eine kleine Nische auf dem Weg in die Küche, um per Pin-Code den Vorgang zu authentifizieren. Glücklich wie lange nicht mehr nach einem Restaurantbesuch gingen wir dann heim.

Fazit:

Selten so gut auswärts gegessen. Wir wurden freundlich und herzlich bedient, immer präsent aber nicht aufdringlich. Frau Gebert unterhält mit ihrem Meenzer Charme die Gäste und weiß immer ein paar Anekdoten. Service = 5*!
An der Sauberkeit gibt es nichts zu beanstanden. Alles wie man es sich wünscht. Die Toiletten (ebenerdig) sauber und frisch. 5*
Dem Essen kann ich heute nur (aufgerundet) 5* geben. Drei fast perfekte Hauptgänge sprechen für sich. Gegenüber unserem letzten Besuch noch mal eine Steigerung.
Und dem PLV kann ich, auch wenn das Wasser vielleicht zu teuer ist und die Vorspeise mit dem Lachs evtl. einen Euro zu teuer, auch nur 5* geben. Die Speisen ausgezeichnet, manchmal mit Nachschlag, und die Weine mehr als preiswert!

Klare Empfehlung!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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