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GastroGuide-User: marcO74
hat Gehrlein's Hardtwald in 76777 Neupotz bewertet.
vor 3 Wochen
"Kulinarische Topadressen der Südpfalz – Teil 5: Sympathisches Landrestaurant, das schon seit vielen Jahren ein konstant hohes Level auf die Teller bringt"

Geschrieben am 28.06.2020
Besucht am 07.06.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 89 EUR
Jede Krise geht einmal vorbei. Die Frage ist nur wann und wie…
 
Für mich ein guter Zeitpunkt, um auf dem Gastroportal meines Vertrauens ein mehrteiliges Update in Sachen gehobener Heimatküche zu liefern. Denn erstens können in unsicheren Zeiten wie diesen ein paar anregende Zeilen über die Top-Gastronomien vor der eigenen Haustür nicht schaden. Und zweitens können wir ja jetzt unsere kulinarischen Sehnsuchtsziele wieder besuchen – wenn auch unter hoffentlich bald (!) wegfallenden, die Gastronomen gängelnden Hygiene- bzw. Abstandsregeln. 
 
Auch wenn ich über die besseren Häuser meiner Heimat schon genug Worte verloren habe, werde ich in der Folge eine Reihe mehr oder minder bekannter Pfälzer Genuss-Enklaven erneut ins Rezensionsvisier nehmen.
 
Im 5. Teil meiner kulinarischen Reise durch die Südpfalz geht es schon wieder an den Rhein. Genauer gesagt: schon wieder nach Neupotz. Das schmucke Dörfchen kann neben der besternten Krone („Der Stern, der über Neupotz leuchtet“) auch noch auf zwei alteingesessene Institutionen des guten Geschmacks verweisen.
 
Eine davon ist das Restaurant Hardtwald von der Familie Gehrlein. Das etwas außerhalb der Ortschaft, inmitten eines gleichnamigen Wohngebietes gelegene Lokal zählt schon seit vielen Jahren zu meinen Favoriten in Sachen bodenständiger, aber dennoch ambitioniert vorgetragener Regionalküche.
 
Kein Wunder. Steht doch hier mit Martin Gehrlein ein ebenso routinierter wie kompetenter Küchenchef am Herd. Sein einfallsreicher Kochstil wird dabei von Saisonalität und Regionalbezug bestimmt. Dabei zeigt er sich auch aufgeschlossen gegenüber ferneren kulinarischen Gefilden. Seine Kreationen zeichnen sich durch den Einsatz hochwertiger Zutaten aus und zeugen von handwerklichem Können.
 
Gehrlein versteht es, aus einfachen Gerichten delikate Überraschungen zu zaubern. Er geht dabei mit viel Fingerspitzengefühl und Aromengespür zu Werke, ohne sich an hippen Küchentrends zu „verzeitgeistigen“. Auf aufwendiges Verfeinerungsspektakel und vordergründige Gaumenwischerei verzichtet er gerne.     
 
Nach wie vor empfangen die freundlichen Servicedamen den Gast im feschen Dirndl, aber das passt zu diesem gastronomischen Landidyll, dessen gediegene Gasträume eine angenehme Atmosphäre versprühen. Auf geschmackvolle Art und Weise geht es hier ländlich-rustikal zu. Holzvertäfelte Decken und Wände, bequeme Sitzgelegenheiten und die in weißes Leinen gehüllten Tische zeigen sich seit jeher für die Behaglichkeit in den beiden Gaststuben verantwortlich. Aber auch auf der idyllisch hinterm Haus gelegenen Terrasse lässt es sich sehr gut aushalten.
 
Dieser Bericht basiert auf zwei Besuchen, die uns im Anfang bzw. Mitte Juni nach Neupotz führten. So verbachten meine Frau und ich zuerst einen gemütlichen Abend zu zweit im Innern des Hardtwalds, ehe wir gut zwei Wochen später zusammen mit meiner Mutter die Terrasse okkupierten.
 
Das Speiseangebot unterschied sich bei beiden Besuchen lediglich durch ein paar Tagesempfehlungen. Martin Gehrlein hat sein Repertoire seit der Wiedereröffnung etwas reduziert. Auf einer doppelseitigen, vorbildlich laminierten Karte zählte ich acht Vorspeisen, sieben Hauptgerichte und drei Desserts.
 
Hardtwald-Klassiker, wie die hausgemachten Lachsmaultäschle, die kräftige Rinderbouillon mit Tafelspitz oder die gebratenen Riesengarnelen, gehörten auch weiterhin zum appetitanregenden Vorwegprogramm, das um Rindertartar, Matjessalat, Samosas von der Erbse, Allerlei vom Ziegenkäse und einem frischen Frühlingssalat erweitert war.
 
Bei den Hauptgängen wurde ebenfalls auf Bewährtes zurückgegriffen. Rumpsteak, irischer Lammrücken und Mai-Bock standen zur Befriedigung fleischlicher Gelüste bereit, während Seezungenfilet aus dem Atlantik und zweimal Zander die Fischliebhaber ansprechen sollten. Rein vegetarisch fiel hingegen das Risotto mit grünem Spargel und einem kleinen Salat aus. Klar schwang man hier zu Vor-Corona-Zeiten noch ein wenig experimentierfreudiger den Kochlöffel, aber für den (Neu-)Anfang klang das alles doch schon recht vielversprechend.
 
Auch die Weinkarte hatte man deutlich abgespeckt. Man beschränkte sich bei den Flaschenweinen auf die Kreszenzen dreier namhafter Winzer aus der Pfalz. Mit den VDP-Weingütern Kranz (Ilbesheim) und Knipser (Laumersheim) sowie dem Weingut Kleinmann aus Birkweiler hatte man eine feine Auswahl an Qualitätstropfen am Start. Ergänzt von ein paar durchaus trinkbaren Weinen im offenen Ausschank, kam auch der gemeine Vierteltrinker auf seine Kosten. Und das zu Preisen, die man als äußerst kundenfreundlich kalkuliert bezeichnen konnte.
 
Für uns Durstige sprudelte der halbe Liter Teinacher „Classic“ für 3,80 Euro ins Glas. Zusammen mit einem Viertel samtig-fruchtigem Merlot aus der Pfalz (4,90 Euro) deckte dies am ersten Besuchsabend unseren Getränkebedarf. Als wir zwei Wochen später mit mütterlicher Unterstützung im Hardtwald aufschlugen, gönnte ich mir – wohl auch der warmen Witterung geschuldet – ein frisch gezapftes Hoepfner-Pils (0,4l für 2,80 Euro).
 
An den knoblauchgeschwängerten Wohlgeruch, der Anfang Juni aus der Gehrlein’schen Küche drang und uns schon beim Abstellen unserer Fahrräder entgegenwehte, erinnere ich mich mit breitem Gaumengrinsen, da mir der verlockende Küchendunst sofort den Essensduft längst vergangener Bärenklause-Zeiten (eines Peter Steverdings, Anm.) ins kulinarische Gedächtnis rief.
 
Ein völlig unverhoffter Moment, der mir diesen gastronomischen Sehnsuchtsort meiner Jugend – ich wohnte damals nur ein paar Meter von dem hochangesehenen Genusstempel im Ortskern von Herxheim entfernt – als köstliche Reminiszenz in die Nase steigen ließ. Und das nach der langen Zeit des Verzichts auf Restaurantbesuche. Wahrscheinlich traf er mich deshalb umso intensiver und fachte meine Lust auf gutes Essen an diesem Abend umso stärker an.
 
Diesem Drang gab ich mit der Bestellung der Erbsen-Samosas (9,80 Euro) sowie der Tagesempfehlung, dem Seeteufel mit „Asperges des bois“ (Wildspargel), knackigem Gemüse, Röstknobi und schaumiger Beurre Blanc (28,50 Euro), nach. Meine Frau wollte es dagegen knackig und wild, was ihr einen Frühlingssalat (7,80 Euro) vorweg und die Mai-Bock-Variation mit Spinatknödel (19,50 Euro) zum Hauptgang einbrachte.
 
Bei der Wiederholungstat auf der Sommerterrasse teilten wir uns dann die mit Spinat und Ricotta gefüllten, hausgemachten Tortellini (9,80 Euro), die von dünn aufgeschnittenen Scheiben von der Kalbszunge „entvegetarisiert“ wurden, ehe wir mit cremigem Risotto mit Spargel und Knackgemüse (13,80 Euro), paniertem Zander (18,80 Euro) an Kartoffelsalat (Muttis Leibspeise) sowie einem auf der Haut gebratenen Wolfsbarschfilet mit Pfifferlingen und Spargelrisotto (29,50 Euro) den Dienstagabend kulinarisch zum Feiertag erklärten.
 
Die orientalisch abgeschmeckte Erbsenfüllung der Samosas war in einer Art Filoteig gepackt. Dazu gesellte sich ein wenig junges, perfekt gegartes Gemüse (Erbsen und Karotten), das zusammen mit etwas Salzzitrone und einer leichten Joghurtsauce den vegetarischen Auftakt einläutete. Das war ein harmonisch ineinandergreifender Frühlingsteller, der von feiner Würze und zitrischer Frische akzentuiert wurde. Hier zeigte der Chefkoch, wie man saisonale Produkte – in dem Fall die zu einer schmackhaften Masse verarbeiteten Erbsen – mit einfachen Zutaten (Salzzitrone/Joghurt) und einem Hauch Exotik in weltoffenem Kontext auf den Teller bringt. Das hat in der Summe wunderbar funktioniert.
 
Während ich mich über die Erbsentäschchen her machte, ließ sich meine Frau ihren knackfrischen, mit Gartenkresse, Radieschenscheiben und Croutons verfeinerten Blattsalat schmecken. Sein herzhaft säuerliches Hausdressing (auf Joghurtbasis) „macht“ auch uns schon seit vielen Jahren „an“. Oft sind es ja gerade die kleinen kulinarischen Konstanten, die man in seinen Stammlokalen so schätzt.
 
Beim Mai-Bock-Teller trumpfte dann die Küchencrew so richtig „wild“ auf. Das im benachbarten Bienwald geschossene, erste Wild des Jahres, lieferte drei Arten von Rehfleisch für die anregend arrangierte Speise. Drei bemerkenswert saftige, lediglich mit etwas Fleur de Sel bestreute Filetstücke steckten auf einem Holzspieß. Daneben lag ein Stück von der Schulter, das vorher in Rotweinfond herrlich mürbe geschmort wurde.
 
Aber letztlich war es die sous-vide gegarte Keule, die eigentlich aufgrund der fehlenden Fetteinlagerungen im Muskelgewebe des jungen Rehbocks eher als schnell trocken werdendes „Problemstück“ gilt, die zusammen mit dem tiefgründigen Beiguss den perfekten Wildgenuss ausmachte.
 
Dass ich nach einem Probelöffel vom alles andere als geschmacksneutralen Spinatknödel genauso begeistert war wie meine Frau, erstaunte diese nicht. Sie war mit ihrem Rehteller so zufrieden, dass sie zwei Wochen später ernsthaft überlegte, das gleiche Gericht noch einmal zu bestellen.
 
Meine erste Wildspargelerfahrung lag als grünes Bündel auf zwei stattlichen, vorzüglich gebratenen Seeteufelmedaillons. Gerösteter Knoblauch und leicht angebratene Schalotten verliehen dem formidablen Fischteller aromatische Tiefe. Auch hier setzten ein paar Gemüsestücke (Karotte, Brokkoli) nach absolvierter Idealgarung sowohl farbliche als auch frische Akzente. Von einer schaumig aufgeschlagenen Beurre blanc süffig unterfüttert, war auch das ein geschmacklich breit angelegter Hauptgang, der zusammen mit den gebutterten Salzkartoffeln allerfeinste Herz- und Leibspeisenküche repräsentierte.
 
Keine Ahnung, wie wir es geschafft haben, nach diesen doch sehr anständigen Portionen noch zwei süße Nachspeisen zu ordern. Aber bereut haben wir die Entscheidung zu keiner Zeit. Meine erkleckliche Nocke Apfel-Quitte-Sorbet (3,80 Euro) mutete gegenüber dem von einer Mascarpone-Halbkugel und kräftig dunklem Schoko-Eis begleiteten Röstrhabarber (7,50 Euro) meiner Frau fast schon frugal an. Doch was teilt man nicht alles in einer Ehe…
 
Natürlich könnte ich mich jetzt noch über die großartigen Spinat-Ricotta-Tortellini auf dünn geschnittener Kalbszunge (Hammerkombi!) vom Folgebesuch auslassen. Auch auf das cremige, mit Limette aufgefrischte Spargelrisotto und auf das mit leicht gedünstetem Lauch, Gemüsebrunoise und Pfifferlingen servierte, kapitale Stück vom Wolfsbarsch könnte ich näher eingehen. Aber da lasse ich – genau wie beim panierten Vorzeigezander – mal die Bilder für sich sprechen.
 
Zusammen mit dem freundlich-familiären Service und dem wirklichen herausragenden Preis-Genuss-Verhältnis zählt der Hardtwald nach wie vor zu den besten Adressen unserer Region und seine feine Landhausküche lockt auch viele Gäste aus Baden über den Rhein.
 
Dem sympathischen Chef- und Fernsehkoch Martin Gehrlein, der seit ein paar Jahren mit der Alten Mühle vor den Toren von Rheinzabern auch ein Zweitlokal betreibt, wünsche ich, dass er die Krise erfolgreich übersteht und freue mich schon auf die nächsten Leckereien von ihm bzw. Plaudereien mit ihm im Hardtwald.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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