Käsbüro
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Dorfplatz 1, 67098 Bad Dürkheim
Restaurant Weinstube Gaststätte
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GastroGuide-User: marcO74
hat Käsbüro in 67098 Bad Dürkheim bewertet.
vor 6 Tagen
"In diesem Dürkheimer Traditionslokal könnte man glatt zum kulinarischen Amtsschimmel werden"
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Geschrieben am 12.01.2021 | Aktualisiert am 12.01.2021
Besucht am 17.10.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 93 EUR
Viel zu selten verschlägt es uns nach Bad Dürkheim. Dabei hat die Kurstadt an der Haardt, wie der Ostrand des Pfälzerwaldes auch genannt wird, einiges mehr zu bieten als nur den (fast) jährlichen Wurstmarkt und das Riesenfass. Vor allem in kulinarischer Hinsicht lassen sich hier einige spannende Entdeckungen machen.
 
Das Annaberg Restaurant (im gleichnamigen Hotel), die Weinstube Bach-Mayer, das Restaurant Konrad2 in der Klosterruine Limburg, das Honigsäckel im nahegelegen Ungstein, die Alte Schmelz im romantischen Jägerthal und das im Ortsteil Seebach beheimatete Käsbüro der Familie Kolley seien als erste Einkehradressen der zur Metropolregion Rhein-Neckar zählenden Kreisstadt genannt. Und sogar die Wurzeln der ayurvedisch-sattvischen Kochkunst lassen sich im hier mehrfach rezensierten Restaurant Savarin bis ins Jahr 1890 zurückverfolgen.   
 
Vor knapp zweieinhalb Jahren besuchte ich das letzte Mal die an der Deutschen Weinstraße liegende Salinenstadt. Damals war ich mit einem guten Freund auf Genießertour, die uns ins Restaurant Käsbüro führte. Den Bericht dazu habe ich damals auf GG hochgeladen. Gerne hätte ich in der Folgezeit noch ein paar andere empfehlenswerte Lokale aus meiner obigen Aufzählung besucht, was aber aus Entfernungsgründen nie zustande kam. Bad Dürkheim ist eben doch ein ganzes Stück weit weg von uns.
 
Da bot sich die Gelegenheit an, im Rahmen unseres heimischen Herbsturlaubs eine Wandertour in den Wäldern bei „Deerk(e)m“ (wie der sprachlich gewiefte Südpfälzer sagt) zu absolvieren. Bismarckturm, Schlossruine Hardenberg und natürlich die Klosterruine Limburg, alles lohnenswerte Etappenziele, die unser Wanderbüchlein verheißungsvoll ausspuckte. Knapp 600 Meter im Auf- und Abstieg waren auf der 15 Kilometer langen Rundtour zu überwinden. Wir planten also genügend Zeit ein, um auch ja nicht zu spät im Käsbüro aufzuschlagen.
 
Schon ein paar Mal zuvor hatte ich versucht, am Wochenende einen Tisch zu ergattern. Aber leider war immer alles ausreserviert. Mitte Oktober hatten wir dann etwas mehr Glück. Die letzten freien Plätze des Samstagabends wurden an uns vergeben. Der leichte Regen verzog sich schnell und unsere Wanderung startete am großen Parkplatz neben dem weltgrößten Weinfass, in welches ca. 1,7 Mio. Liter „Palzwoi“ reinpassen und das heute als gutbürgerliche Gaststätte genutzt wird.
 
Es war schon dunkel als wir uns den Weg durch Dürkheims Straßen zurück zu unserem Vehikel bahnten. Es gab reichlich zu sehen. Ein im Stadtkern beheimatetes Restaurant warb schiefertafelweise mit Gesundheitsküche. Leider konnte ich keinen Blick ins Innere des kulinarischen Wellness-Tempels werfen, da alle Fenster mit Auszeichnungen und Ehrenurkunden zugekleistert waren. Die Betreiber dieses gastronomischen Dubiosums wollten anscheinend wenig Aufhebens ums eigene Interieur machen. Auch eine Möglichkeit, den von Touristenneugier befeuerten Durchgangsverkehr zu begrenzen.
 
Nach kurzer Fahrt in den südwestlich der Kernstadt gelegenen Ortsteil Seebach standen wir dann ziemlich ausgehungert vor dem liebevoll renovierten Äbtissinnenhaus aus dem 11. Jahrhundert, in dem seit 2012 Harald und Corinna Kolley ihr kulinarisches Käsbüro betreiben. Die ehemalige Zehntscheuer, in welcher der feine Herr Pfalzgraf den Käse eintrieb (daher der eigenwillige Name), wurde schon um das Jahr 1800 herum von den ersten Schankprinzen okkupiert. In ein Haus mit rund 200jähriger Gastro-Tradition geht man nicht alle Tage. Also nix wie rein in die gute Stube.
 
Der Empfang durch die Servicechefin Corinna Kolley fiel äußerst herzlich aus. Man erinnerte sich scheinbar noch an den Mann, der schon damals zu viele Fragen stellte. In der über den Hof zu erreichenden „Weinstube“ war noch einiges los. Eine ältere Dame feierte mit ihrer Verwandtschaft ihren 90.Geburtstag. Wir hingegen durften im Hauptgebäude Platz nehmen, genauer gesagt in der sogenannten „Nonnenstube“, ein vom eigentlichen, etwas größeren Käsbüro (Hauptgastraum) separierter Raum mit altem Kachelofen und geschmackvoller Einrichtung. In der schätzungsweise 15 Personen fassenden Stube war einer von drei Tischen besetzt. Die vier Genießer gesetzteren Alters hatten es sich bereits gut gehen lassen und überließen uns bald das lauschige, von wertigem Holz dominierte Zimmer. Einfachbesteck und hübsch gefaltete Stoffservietten wiesen uns den richtigen Platz, der auch ohne Leinen auf der Platte den Eindruck gepflegter Tischkultur vermittelte.
 
Wir saßen ganz romantisch „über Eckbank“, direkt neben dem weißgekachelten Wärmespender und freuten uns der Deftigkeiten, die da kommen mochten. Wohlwissend, dass diese von hohem Produktanspruch und handwerklichem Können künden würden, ging es ganz gespannt ans Studium der Speisenlektüre. Schön, dass man sich hier nach wie vor traut, auch ein paar internationale Akzente miteinfließen zu lassen. Etwas Abwechslung tut bekanntlich gut. Zumal auch die Zutaten der Saison in Harald Kolleys Küche gerne Verwendung finden.
 
Doch bevor es sich hier ganz ungeniert aus dem Vollen löffeln ließ, musste der Entscheidungsprozess eingeleitet werden. Das war gar nicht so einfach, klangen doch schon die sechs Herbstempfehlungen auf der ersten Seite der Karte sehr verlockend. Bereits die in Pankobrösel gehüllten Jakobsmuscheln an Kürbissalat machten Laune und auch die obligatorischste aller Herbstterrinen, die Kürbiscremesuppe, war vertreten. Bei den Hauptspeisen machten mir hingegen die Kalbsmedaillons im Speckmantel an Morchel-Rahmsauce und das Geschnetzelte vom Seeteufel an Safranschaum den Mund wässrig.
 
Aber auch das bewusst klein gehaltene Standardprogramm konnte sich sehen lassen. Kalbslebergeschnetzeltes findet man schließlich nicht alle Tage auf gutbürgerlichen Speisenkarten. Und auch die geschmorte Schulter vom Pfälzer Glanrind mit sautierten Kräutersaitlingen versprach reinstes Fleischvergnügen. Wer wollte da nicht mittranchieren?
 
Klar durfte auch der profane Redundanzesser seine Lust auf Bewährtes stillen. Und zwar mit Rumpsteak (mit Rotweinsauce und Kartoffelgratin-Törtchen) und Cordon Bleu. Letzteres wurde im Käsbüro mit Münsterkäse und feinem Metzgerschinken gefüllt und von lauwarmem Kartoffelsalat begleitet. Warum auch nicht?
 
Für Fleischverzichter war das Angebot etwas schmaler, aber es war durchaus existent. Veganer Kichererbsenstrudel mit Kokos-Currysauce und ein lauwarmer Kartoffel-Lauchkuchen mit Tomatensugo appellierten an den Hunger des fleischverzichtenden Volkes.
 
Alle Gerichte suggerierten schon beim Lesen dieses gewisse Quäntchen an Raffinesse, das die Küche von Harald Kolley vom üblichen Angebot gutbürgerlicher Gastronomien erfreulich abhebt. Das hob die Vorfreude, erschwerte aber auch gleichzeitig den Prozess der Entscheidungsfindung.
 
Na gut, dann eben erstmal auf Zeit spielen und sich um Flüssiges kümmern. Reine Verschleppungstaktik, die den Entschluss im Hinterkopf noch etwas reifen lassen sollte.
 
Schade, dass ich noch den Wagen nach Hause lenken musste. Die Aperitif-Auswahl auf Seite Zwei listete nämlich Listiges. Lillet Wildberry, Gin Tonic (mit Pfalz-Gin natürlich) und Kremäng aus Neustadt hätten uns sicher prima auf das bevorstehende Mahl eingestimmt. Mit einer Flasche Taunusquelle Classic (0,75l für 6 Euro) und einer formidablen Rotweincuvée vom Dürkheimer Winzergott Thomas Hensel (0,25l für 9 Euro) gingen unsere Getränkewünsche in Erfüllung.
 
Übrigens wird im Käsbüro überwiegend Regionales in Gläser gefüllt. Beim Durchstöbern des offenen Angebots traf ich auf Rotweine der Weingüter Hensel, Schmitt, Hauer, Mesel und Pfeffingen. Alles Winzer aus Bad Dürkheim, die für ihre guten Tropfen bekannt sind. Hensel und Schmitt sogar überregional. Bei den Weißweinen war u.a. Georg Mosbacher aus Forst mit einem trockenen Weißburgunder sowie das Weingut Studier aus Ellerstadt vertreten. Letzteres mit einer namentlich passenden Cuvée (aus Rivaner, Riesling und Weißburgunder) namens „Campus“, die sicherlich auch jedes Mensa-Stammessen gut korrespondiert hätte.
 
Vorweg sollten es für mich die Jakobsmuscheln an Kürbissalat (16,50 Euro) sein, während sich meine Frau einen feinen Blattsalat mit Kräuterdressing (6 Euro) gönnte. Obwohl sie noch nie zuvor Kalbsleber gegessen hatte, orderte sie mutig das Geschnetzelte (21 Euro), das von Kartoffel-Möhren-Stampf und einer Schalotten-Rotwein-Sauce begleitet wurde. Ich bewunderte ihren BestellerInnen-Mut, wusste aber auch, dass das Risiko eines Fehlgriffs bei der sorgsamen Zubereitung und der Qualität der Zutaten hier nahezu ausgeschlossen sei.
 
Mich gelüstete es nach den Kalbsmedaillons im Speckmantel (28,50 Euro), auf deren Morchel-Rahmsauce ich mich besonders freute. Jede einzelne Bandnudel sollte vor ihrem Verzehr darin baden, so mein kulinarischer Masterplan für den Hauptgang.
 
Als kleinen Appetitmacher schickte die Küche ein mit asiatischer Currynote versehenes, sehr fein abgeschmecktes Tomatensüppchen als Vorabgruß. Eine kleine, mit Salz und Kümmel überzogene Blätterteigstange lag als knusprig-fluffiges Pendant neben dem aromatisch duftenden Probiergläschen. Ein gelungener Start, der die Geschmackssensoren fernköstlich stimulierte. Wie fühlten uns gut eingestimmt.
 
Nach angenehmer Wartezeit kam mein kulinarischer „Sonderzug nach Panko“ angefahren. Drei von Pankomehl ummantelte, leicht in der Butterpfanne angebratene Jakobsmuscheln hielt dieser bereit. Die auf den Punkt sautierten, innen noch schön glasigen Prachtexemplare thronten stolz auf einem Kürbis-Tomatensalat. Die gewürfelten, wahrscheinlich blanchierten Stücke vom Hokkaido hatten noch leichten Biss. Zusammen mit einem süß-sauren Orangendressing ergab das ein durchaus fruchtiges Ensemble, dessen dezente Süße prächtig mit den panierten Muskelstümpfen der St. Jacques harmonierte. Klasse Vorspeise, die mir ein neues Geschmackserlebnis in Sachen Kürbis offenbarte.
 
Meine Gattin stocherte derweil im Grünen und genoss ihren kleinen Salat mit Kräuterdressing sichtlich. Dieser zeugte von frischem Blattwerk, das feinsäuerlich angemacht war. Geröstete Sonnenblumenkerne lieferten Knusper, ein Häufchen Sprossen on Top etwas würzige Frische.
 
Und dann lagen sie vor mir. Zwei kolossale, von Speck ummantelte Kalbsmedaillons zierten das von einer wunderbar duftenden Morchelrahmsauce bedeckte Porzellan. Unter bzw. neben der Kalbslende tummelten sich die wabenartigen Köpfe des edlen Schlauchpilzes. Die kurz zuvor in der Butterpfanne geschwenkten Bandnudeln wurden à part serviert.
 
Die auf den Punkt gebratenen (kurz vor medium), saftig-zarten Filetstücke hatten eine sensationelle Fleischqualität vorzuweisen. Auf Nachfrage verriet mir Chefkoch Kolley, dass bei ihm nur Fleisch von Blockhouse oder vom regionalen Metzger in die Pfanne kommt. Dass dies dann im Endeffekt ein paar Euro mehr kostet, liegt in selbiger bzw. auf der Hand. Solche Güte hat schließlich ihren Preis.
 
Noch ein paar Worte zur Rahmsauce. Diese überzeugte nicht nur wegen ihrem großzügigen Morchelanteil, für den allein sich das „morcheln“ schon lohnen würde, sie war einfach zum Teller ausschlecken lecker und das im allerbesten Sinne. Mit ein wenig kräftiger Jus als zusätzlichem Geschmacksgaranten ausgestattet, machte sie diesen herzhaften Fleischteller zu einem sähmig-süffigen Erlebnis der bestbürgerlichen Art. Nur ein kostverächtender Narr hätte da nicht nach ein paar Scheiben Brot verlangt, um auch noch den letzten Rest von der Platte zu wischen.
 
Während ich so vor mich hin „morchelte“, genoss meine Frau ihre Leber mit ein paar Fava-Bohnen und einem ausgezeichneten Chianti. Halt! Stopp! Falscher Film. Ich saß schließlich nicht mit einem kultivierten Kannibalen am Tisch, sondern mit einer jungen Dame, die gerade ihr Erstsemester im Fachseminar Kalbslebergeschnetzeltes ablegte. Wie ich beim Stöbern durch andere Fressportale erfuhr, ist diese mit Kartoffel-Möhren-Stampf und kräftiger, dunkler Schalotten-Rotweinsoße servierte Edelinnerei schon seit vielen Jahren ein beliebter Klassiker im Käsbüro.
 
Und selbst ich, der dieses Traditionsgericht noch aus großmütterlicher Küche in Erinnerung hatte, musste zugeben, dass die Käsbüro-Variante um ein Vielfaches zarter schmeckte, als die zu lange in der Pfanne gebrutzelte, oftmals furztrockene „Oma-Leber“. Diese kam auch sicher nicht vom Kalb.
 
Mit ein paar Apfelstücken, einem gehörigen Zwiebelanteil in der Soße und gebratenen Salbeiblättern landete das Kalbslebergeschnetzelte ganz klassisch dem Teller. Dass auch der mit „Gäälriewe“ (=Karotten) verfeinerte „Grumbeerstambes“ (= Kartoffelpüree) bzw. der mit „Grumbeere“ angereicherte „Gäälriewe-Stambes“ ein Genuss wie bei Muttern darstellte, machte sie nicht nur satt, sondern auch glücklich. Hausmannsgott, ich danke dir!
 
Dass nach so reich portionierter Gutbürgerlichkeit kein Dessert mehr ging, lag wahrlich nicht am Angebot. Vanille-Panna-Cotta mit Zwetschgensauce oder die Crème brulée mit hausgemachtem Cassissorbet wären bei geringerem Sättigungsgrad sicher jede zusätzliche Kalorie Wert gewesen.
 
Aber auch so verließen wir nach einem sehr netten Plausch mit den Harald und Corinna Kolley rundum zufrieden das Käsbüro. Über Facebook habe ich in den letzten Wochen verfolgt, mit wie viel Leidenschaft sich diese Vorzeigegastronomen gegen die Krise stemmen. Würde ich in der Nähe von Bad Dürkheim wohnen, stünden mir u.a. Barbarie-Entenbrust, Hirschragout und Waldpilz-Schupfnudelpfanne als Genüsse zum Abholen bereit. Damit ließe es sich sicher gut durch den Winter kommen.
 
Ich wünsche der Familie Kolley, dass sie diese schwere Zeit irgendwie übersteht, denn solche aufrichtigen, auf Qualität und ehrliches Handwerk setzenden Gastronomen, trifft man nicht mehr so häufig an. Danke für den tollen Abend im Oktober und hoffentlich auf bald mal wieder. Haltet durch!
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