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GastroGuide-User: marcO74
hat Quetschekuche Stubb in 67433 Neustadt an der Weinstraße bewertet.
vor 7 Monaten
"Haardt, aber sowas von herzlich! – Ambitioniert geführte Weinstube, die mit schmackhafter Regionalkost und einer sensationellen Flaschenweinkarte aufwartet"

Geschrieben am 15.06.2020
Besucht am 01.06.2020 Besuchszeit: Abendessen 3 Personen Rechnungsbetrag: 88 EUR
Es war der erste Tag im Juni. Das Wetter passte und wir wanderten zusammen mit meiner Schwägerin aus Bremen von Neustadt-Gimmeldingen über den Stabenberg ins idyllische Mühltal. Auf dem Rückweg schritten wir am Haardtrand entlang durch den Winzerort Königsbach. Den grandiosen Weitblick auf Rebenmeer und Rheinebene genießend, absolvierten wir den letzten und auch schönsten Teil unserer Wanderung auf einem kleinen Abschnitt des Pfälzer Weinsteigs.
 
Zeitlich hatten wir uns die gut dreistündige Tour so eingerichtet, dass wir pünktlich um 18 Uhr in der Quetschekuche Stubb in Neustadt-Haardt zum Abendessen aufschlagen konnten. Den Tisch für drei Personen hatte ich im Vorfeld bei der Restaurantleiterin Janette Sachse via FB (man kennt sich halt in der Pfalz) klargemacht.
 
Schon länger hatte ich einen Besuch in der im März 2019 vom Gastronomenpaar Janette und Meinolf Sachse eröffneten Weinstube im Visier. Denn die Bilder, die ich über den bereits erwähnten Socialmedia-Kanal empfing, verhießen Schmackhaftes auf dem Teller und Hochwertiges im Glas.
 
Nun sind die beiden Betreiber in der regionalen Bewirtungslandschaft keine Unbekannten. Janette kenne ich noch aus ihrer Zeit in Arens Restaurant (Hainfeld später St. Martin), wo sie sich für einen hervorragenden Service verantwortlich zeigte.
 
Ihr Mann Meinolf hat seine Erfahrungen in renommierten Häusern, wie beispielsweise dem Deidesheimer Hof und dem Gasthaus zur Kanne (auch Deidesheim), gesammelt. In letzterem hat er als Restaurantleiter fungiert und in dem von Küchenchef Florian Winter und seiner Frau Karin (jetzt Ritterhof in Burrweiler) geführten Kleinod regionaltypischer Genießerküche die passenden Weine kredenzt.
 
Schade, dass die Besitzer der Räumlichkeiten, das überregional bekannte Weingut Dr. Bürklin-Wolf, diese für eine Weinbar mit angeschlossener Vinothek nutzen wollten und somit das Ende des ältesten Gasthauses der Pfalz einläuteten.     
 
Nach einem kurzen Intermezzo in „Knipsers Halbstück“ in Bissersheim übernahmen Janette und Meinolf Sachse das auch kurz als „Quetsch“ bezeichnete Weinlokal im Ortsteil Haardt. Das nostalgische, vom Neustadter Künstler Rudi Lederle bemalte Fachwerkhaus kann auf eine lange Ausschanktradition verweisen. Früher als typisches Winzerhaus mit Stallungen genutzt, war es erst Künstlerkneipe und später dann - nach sukzessivem Ausbau in den 90er Jahren - eine hübsche Weinstube mit Sandsteingewölbe und Wintergarten.
 
Nach zweijähriger Auszeit, welche die neuen Besitzer (ein Ehepaar aus Neustadt, Anm.) nutzten, um das Anwesen zu renovieren und darin auch ein paar Ferienwohnungen unterzubringen, wurde nun das nächste gastronomische Kapitel in der guten alten „Stubb“ aufgeschlagen.
 
Das Wort „Quetschekuche“ (=Zwetschgenkuchen) mag da eventuell täuschen und den neugierigen Kostgänger in die Irre führen. Hinter dem Begriff könnte man eine altbackene Kaffee-und-Kuchen-Klause vermuten, was sich jedoch spätestens beim Studieren des Speiseprogramms in kulinarischen Wohlgefallen auflöst.
 
Mit Mundschutz und frisch desinfizierten Händen wurden wir entsprechend der derzeit geltenden Hygienevorschriften vorstellig. Unseren Tisch auf der lauschigen, hübsch gestalteten Innenhofterrasse mussten wir aufgrund der leidlich bequemen Sitzmöbel – das an dieser Stelle leicht abschüssige Kopfsteinpflaster tat ein Übriges - gegen eine benutzerfreundlichere Variante im Wintergarten eintauschen. Alles kein Problem und das bei der aktuell nicht gerade einfachen Platzsituation. An dieser Stelle gleich mal ein herzliches Dankeschön an das flexibel reagierende Serviceteam.
 
Apropos Service. Den überließ Ausschankmeister Meinolf Sachse an diesem Abend fast gänzlich einem jungen Mädchen, das wohl als Aushilfe für seine verhinderte Frau Janette einsprang. Der sympathische Weinwirt übernahm den Thekendienst, während die junge Dame im nahezu komplett ausgelasteten Innenhof bzw. Wintergarten hin und her wetzte. Aber einer muss eben die Gläser befüllen.
 
Und da der Service alle Hände voll zu tun hatte, verging dann auch ein wenig Zeit, bis wir die Speise- und Getränkelektüre gereicht bekamen. Zeit zum Ankommen, Zeit zum Umgucken. Denn es gab hier einiges zu entdecken. Nach dem Umzug aus dem begrünten Freiluftbereich, fanden wir uns im vorgelagerten Wintergarten wieder. Rustikale Steinplatten und dunkle Fachwerkbalken vermittelten Bodenhaftung. Eine alte Traubenpresse erinnerte an die frühere Nutzung des Gebäudes.
 
Auf dem zünftigen Bauernschrank aus dunklem Holz reihten sich bereits getrunkene Hochkaräter flaschenweise aneinander. Über uns schwebte ein prachtvoller Kristallleuchter, dessen zartes Licht in Anbetracht der durch die hohe Glasfront eindringenden Helligkeit kaum wahrnehmbar erschien. Das Gartenmobiliar der Terrasse war im Inneren einer schlichten, aber wesentlich bequemeren Bistroeinrichtung gewichen.
 
Über eine Treppe gelangte man zu den ästhetisch gestalteten Toilettenräumen in der Beletage. Weiter drinnen wartete ein heimeliges Tonnengewölbe auf den Wegfall der Auslastungsbeschränkungen. Ein gelungener Stilmix, dessen rustikaler Charme die typische Pfälzer Gastlichkeit hervorragend abbildete. Kurz gesagt: eine Weinstube mit Wohlfühlgarantie.
 
Auf dem Tisch lag neben dem Zettel zur Datenerfassung der Gäste eine kleine Kopie mit den Tagesempfehlungen. Diese drehten sich saisonbedingt rund um den Spargel. Das nicht nur hierzulande so hochgeschätzte Königsgemüse stand in Form eines Spargel-Garnelen-Salats, als Beilage eines Frikassées von der Putenbrust und als viergängiges Menü „Rund um den Spargel“ auf dem Tagesangebotsschnipsel. Eine Mandelmilch-Crème-Brulée mit Pfälzer Erdbeersorbet und eine Weinempfehlung komplettierten das übersichtliche „Empfehlungsschreiben“.
 
Auch die Standardkarte verlor sich nicht im Überangebot. Sechs Vorspeisen, zehn Hauptgerichte und fünf Desserts listete das Köchelverzeichnis von Küchenchef Philipp Maaßen. Jedoch eine Auswahl, die sich sehen lassen konnte und die wir als Indiz für frisch zubereitetes Essen werteten. Gimmeldinger Rehpastete mit „Pfälzer Trüffel“ (=eingelegte schwarze Nüsse), karamellisierter Ziegenkäse und „eine Schale voll Salat“ mit Quetsche-Dressing lockten im Vorprogramm.
 
Selbstgemachte „Hausbuletten“, ein paar Wild-Bratwürste, Pälzer Flääschknepp und geschmorte Ochsenbäckchen führten durchs verlockend klingende „Karnivoristan“. Natürlich stand auch das fleischgewordene Dreigestirn der Pfalzkulinarik (Saumagen, Bratwurst und Leberknödel) auf dem Speisezettel. Für vegetarisch angehauchte Zeitgenossinnen und -genossen hatte man Maultaschen mit Spinat-Ricotta-Füllung, Spinatknödel und einen großen bunten Salat im Repertoire.
 
Schön, dass auch die Produzenten, der überwiegend aus dem regionalen Umfeld stammenden Zutaten, genannt wurden. So stammt beispielsweise das Gemüse von Luis Schäfer aus Gönnheim, während man das Fleisch (Wild ausgenommen) von der Familienmetzgerei Vogt aus Haßloch bezieht. Auch der Bäcker, mit dessen qualitativ hochwertigen Erzeugnissen man die Brotkörbchen füllt, wurde namentlich genannt. Es ist die Bäckerei Buchmüller aus Neustadt-Mussbach. Aus dem gleichen Ort kommen übrigens auch die angebotenen Eis- und Sorbetsorten. Claudio‘s Eismanufaktur zeichnet sich dabei als Spezialist für Gefrorenes verantwortlich.
 
Doch was wäre das kulinarische Herzstück der „Quetsch“ ohne seine geradezu sensationell anmutende Weinkarte. Knapp 20 offene Kreszenzen und ca. 300 (!) Flaschenweinpositionen listet die beeindruckende Rebsaftfibel, die mit Riesling (und noch mehr Riesling!), Weiß- bzw. Grauburgunder, Sauvignon Blanc, Chardonnay und Viognier so ziemlich jeden Weißweinfan zu begeistern vermag. Und das alles von bekannten Erzeugern, die ihre Großen Gewächse und Erste Lagen in VDP-Qualität auf die Flaschen ziehen.
 
Auch bei den Rotweinen ist so ziemlich alles versammelt, was der Pfälzer Weinbau aufzubieten hat. Wem heimische Spitzenwinzer wie Rings, Kuhn, Koch und Minges nicht reichen, der kann mit Hanspeter Ziereisen auch badische Topweine genießen.
 
Egal, ob ein Pfälzer Lagrein aus dem Versuchsanbau von Oliver Gabel (Herxheim am Berg) oder ein 2007er Riesling Pechstein GG von Bürklin-Wolf, das mit großem Sachverstand zusammengestellte Kellerkompendium von Janette und Meinolf Sachse besänftigt so ziemlich jedes vinophile Gemüt.
 
Solch eine Auswahl findet man – wenn überhaupt – nur in Lokalen der Sterneklasse. Dann jedoch zu viel höheren Preisen! Bei der sympathischen Kalkulation in der „Quetsch“ kann ich mir schon vorstellen, welcher Rieslingzombie dort bei seinem nächsten Außendienst in Neustadt wohl aufschlägt…
 
Ganz den zurückhaltenden Autofahrer mimend, beschränkte ich mich auf ein Viertel Weißburgunder von Philipp Kuhn aus Laumersheim (7,50 Euro), der als Tageswein im offenen Ausschank erhältlich war. Ein elegant saftiger Weißburgunder, der sich auch druckvoll am Gaumen präsentierte und sich nicht wie viele seiner Art in nebulöser Geschmacksneutralität verlor.
 
Die beiden durstigen Damen am Tisch sprangen dagegen mit frisch gefiltertem Haardter Sprudelwasser (1l für 4,50 Euro), einer Apfelsaft-Schorle (0,5l für 4,60 Euro) sowie einem alkoholfreien Bischoff Pils aus der Flasche (0,33l für 3 Euro) auf den langsam anrollenden Löschzug.
 
Ihren Verzicht auf eine Vorspeise konnte ich nicht nachvollziehen. Anscheinend war ihr Hunger trotz anstrengender Wanderung nicht ganz so ausgeprägt wie bei mir. Die Spargelcrèmesuppe mit ordentlich Einlage (6,50 Euro) ließ ich mir aber nicht nehmen. Bei den Hauptgerichten ahnte ich bereits zwei fleischlose Tellergerichte… und wurde nicht enttäuscht. Meine beiden kulinarisch berechenbaren Begleiterinnen orderten die Spinat-Ricotta-Maultaschen mit Salat und die Spinatknödel (beide Gerichte 14,80 Euro).
 
Verzweifelt versuchte ich mit einem Pfälzer Teller (16,80 Euro) schweinern dagegen zu halten. Die üblichen drei Metzgerargumente (Saumagen, Bratwurst, Leberknödel) sollten in artgerechter Begleitung von Kartoffelpüree, Sauerkraut und etwas dunkler Soße auf dem Teller landen. Ich war gespannt auf die deftigen Pfalzmannsköstlichkeiten aus dem Hause Vogt.
 
Die mit ein paar Spritzern Olivenöl, etwas Schnittlauch und kleingewürfelter Tomate verfeinerte Spargelsuppe hatte in der Tat ordentlich was drin. Die kurz vorher aufgeschäumte Terrine, die mittlerweile zu meinen liebsten Löffelspeisen in den Wonnemonaten Mai und Juni zählt, war vorbildlich abgeschmeckt und fußte auf solidem Küchenhandwerk. Ein gelungener Einstieg.
 
Kleinlaut musste ich nach einem Probierhappen beider Veggie-Gerichte deren geschmackliche Qualität anerkennen. Von fleischloser Langeweile war da keine Spur. Ganz im Gegenteil. Küchenchef Maaßen schien auch hier das richtige Händchen beim Würzen zu haben. Lediglich meiner Frau fehlte eine begleitende Soße, die dem ansehnlichen Maultaschenteller zu mehr Süffigkeit verholfen hätte.
 
Meine Schwägerin schwärmte indes von ihren delikaten Spinatknödeln, die in cremigem Spargelgemüse schwammen. Parmesan, Cocktailtomaten und alter Balsamico sorgten für einen zusätzlichen Umami-Schub am Gaumen.
 
Dann nahm ich meinen „Pfalzturm“ zwischen Messer und Gabel. Über einer Vorhügelzone aus fluffigem, mit etwas Sauce überzogenem Kartoffelpüree aus der Spritztüte, türmten sich die drei formschön geratenen Protagonisten. Die an den im Zentrum ruhenden Leberknödel angelehnte Saumagenscheibe wusste schon allein optisch zu überzeugen. Ihre leichte Röstung verdankte sie einem ausreichend langen Verbleib in der Butterpfanne. Die Bratwurst – immer mein heimlicher Favorit beim Pfalztrio – wurde wohl aus Gründen der Anrichtung in zwei Teilen geliefert. Ein großzügig bemessenes Krautbett sorgte dafür, dass das darauf platzierte Fleischgebilde auch ja nicht verrutscht.
 
Tja was soll ich sagen? Das hatte Schmackes, das hatte Substanz. Metzgermeister Vogt aus Haßloch verstand sein Handwerk genauso wie Chefkoch Maaßen in der „Quetsche-Küch“. Der hatte das deftige Sauerkraut schön lange köcheln lassen und beim Püree nicht mit Butter gespart (soll man ja nie!). Ein weil das alles einen Tick besser schmeckte als in einer gewöhnlichen Pfälzerwaldhütte, rechtfertigte das auch die paar Euro mehr. Zumal man in diesen Bastionen der schlichten Sättigung kein auch nur annähernd vergleichbares Püree serviert bekommt (wenn überhaupt…).          
 
Nach hausmannsköstlicher „Pflicht“ rief die süße „Kür“.  Mein kulinarisches Kurzzeitgedächtnis kramte die Mandelmilch-Crème-Brulée (7 Euro) hervor, während sich die Damen mit einem Heidelbeersorbet und einer Kombi aus Heiß & Süß (beide Desserts 4,50 Euro) begnügten. Unter letzterer firmierten übrigens zwei Kakaobutterpralinen und ein Espresso / Kaffee.
 
Auf der hart gebrannten Karamellkruste meiner Crème Brulée hatte es sich eine veritable Nocke feinstes Erdbeersorbet gemütlich gemacht. Zusammen mit ein paar marinierten Brestlingen (Danke AndiHa!) war das ein fruchtig-samtiges Sommerdessert vom Feinsten. Da verzichtete ich gern auf den sonst obligatorischen Schoko-Anteil. Auch meine Schwägerin fand lobende Worte für ihre Heidelbeersorbetkugel, die in spritzigem Heidelbeer-Kirsch-Secco (alkoholfrei) schwamm. Und auch die beiden kleinen Pralinen aus Kakaobutter, die sich meine Frau zum finalen Kaffee schmecken ließ, kündeten von Patisserie-Geschick.
 
Ja unser Erstbesuch in der „Quetsch“ hat gleich Lust auf weitere gemacht. Was Janette und Meinolf Sachse da auf die Beine gestellt haben, zeugt von gastronomischem Weitblick und Erfahrung. Dass zu ihrem zeitgemäßen Weinstubenkonzept auch kleinere Events, wie etwa der „Magnum-Montag“ oder die „Spargel-ohne-Küchen-Party“ (Corona-Version), gehören, macht es umso sympathischer. Denn wo Weinverstand auf gutes Essen trifft, da ist die Pfalz am schönsten!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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