Zurück zu Restaurant Nigrum
GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Restaurant Nigrum in 76530 Baden-Baden bewertet.
vor 2 Jahren
"Harmonische Aromenküche"
Verifiziert

Geschrieben am 24.06.2018 | Aktualisiert am 25.06.2018
Besucht am 02.05.2018 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 277 EUR
Bleiben zwei Seeleute an Land...
Erwartet man eher in einer Schifferkneipe an der Küste, beschreibt aber die berufliche Vita der Mannschaft, die nach etlichen Jahren auf Hapag-Lloyd-Kreuzfahrtschiffen nun im einerseits beschaulichen, andererseits touristisch geprägten Baden-Baden festgemacht hat. Geblieben ist eine professionelle Freundlichkeit im Service, die sich auch mal einen flotten Spruch leisten konnte, denn die Leistungen waren tadellos. Hocker für die Handtasche, mehrfache Brotangebote, Krümelservice, Einsetzen mit weißen Handschuhen, natürlich die zeitgerechte Erkundigung nach der Zufriedenheit, Begleitung zur Tür. Ich muss jetzt den Ober zwar nicht mit Vornamen anreden, aber eine gewisse Leichtigkeit, die jeden Wunsch des Gastes als eine gern zu erfüllende Selbstverständlichkeit aufzunehmen scheint, würde ich mir bei so manchem Service wünschen. Meine Frau war sowieso entzückt, nicht erst nach dem Angebot von Guido, ein Foto von uns aufzunehmen. Beeindruckende und sehr angenehme Leistung!

Wir wollten nach einer recht luxuriösen Woche in Paris (Sänfte, Pfauenfächer, Eselsmilch, das Übliche halt...) einen Gang zurück schalten und so kam uns die Empfehlung desGuide Michelin gerade Recht, der neben dem schicken schwarzen Ambiente und der modernen Küche auch die ansprechenden Gästezimmer im Hause lobt. Auch dieser Empfehlung schließen wir uns an. Mit Fahrstuhl und entsprechend ausgestattetem Bad ist das House One u. a. für Rolli-Gäste geeignet. Gefallen hat uns auch der helle Frühstücksraum mit schmaler Dachterrasse sowie der persönliche Service des kleinen Teams. Als wir etwas verfrüht im Hotel eintrafen, war die ebenso resolute wie patente Inhaberin nicht vor Ort, hatte aber den Zugang für uns mustergültig organisiert. Was sich als nicht nötig erwies, denn Chefkoch Ronald Ettl sah uns vor der Tür stehen und betätigte sich umgehend als österreichisch-charmanter Empfangschef. Das machte Lust auf den Abend.

Das unverbrauchte Ambiente weicht schon wohltuend vom aktuellen Farb-Mainstream ab. Dem lateinischen Namen entsprechend viel Schwarz

dazu Grau und darin einige wenige knallbunte Eyecatcher

schaffen Eleganz, ohne im Mindesten kühl zu wirken. Dafür sorgen auch eine reliefartig gestaltete Kassettenwand in Gold

und die eigenwilligen, ebenfalls goldenen Lichtgespinste unter der Decke

Geschmacksache, sicherlich. Wir fanden es an unserem Platz am Fenster mit Blick auf eine kleine Gasse ausgesprochen gelungen und fühlten uns im sich etwas zur Hälfte füllenden Raum sehr wohl. Obwohl die Tische nicht unangenehm eng stehen, sorgt die etwas niedrige Decke dafür, dass sich das Nigrum für vertrauliche Gespräche weniger anbietet.

Für genussvolles Schlemmen schon. Der Süße Fan startete eher würzig mit einem Ricard (5,5€), ich blieb bei meinem Leisten, also einem weißen Vermouth

der mit Zitrone serviert wurde, nachdem das Martiniglas mit Eis gekühlt worden war (günstige 4€). Das Black Forrest Mineralwasser mit 7,5€ dagegen schmerzhaft.

Die große, natürlich schwarze Karte mit dem Logo der Schwarzen Perle (Black Pearl als Restaurant-Name war in der Auswahl, hätte aber wohl einen Rechtsstreit provoziert) offerierte ein Menü, aus dem von drei bis zu acht Gängen gewählt werden konnte. Wir entschieden uns für fünf und sechs Teller, die 88€ bzw. 99€ kosteten.

Meine Wahl:
Spargel Lachstatar Kürbiskernöl
Vitello Tonnato ...etwas anders
Onsen-Ei Tagliatelle Hummersosse Kaviar
Erdbeere & Rhabarber Holunderblüte
Lammhüfte Aubergine Gnocchi Olivenjus
Selection Fromage von Affineur Maître Antony

Die Weinbegleitung wurde glasweise abgerechnet, wobei wir vieles probieren durften.
Durch die Kehle flossen Grauburgunder von Laible (7€), Sauvignon von Wassmer (9,5€), Rosé von Mieraval (8,5€), Beaujolais Domaine de la Ranche (8€) und Gewürztraminer Spätlese von Trimbach (14€). Abgesehen von den Preisen hat uns alles sehr gut geschmeckt.

Gilt ebenso für das Menü.
Zunächst gab die Küche ihre Visitenkarte mit einer kleinen, pikant-fruchtigen Gazpacho ab, der Avocadocrème Fülle gab

Zum nicht weiter erwähnenswerten Weißbrot erhielten wir eine aufgeschlagene Zitrusbutter, Basilikumquark und mit Numero Uno von Comincioli eine Olivenöl-Cuvée vom Gardasee, die beim FEINSCHMECKER schon mal das jährliche Tasting gewinnen konnte.

Das Menü startete, auf unseren Wunsch abweichend vom Menüvorschlag, mit Suppe. 

Eine Nocke Lachstatar mit Gurkenwürfeln und etwas Sahne wartete mit perfekter Einlage einer halbierter Stange und weiteren Spargelabschnitten auf die sehr samtige Suppe. Sapperlot! Intensiver Spargelgeschmack, dem etwas Kürbiskernöl Würzigkeit verlieh. Der Fisch hielt kühl dagegen und am Ende war auch etwas Dill zu erkennen. Der erste Eindruck: Hier geht’s harmonisch zu, aber das mit viel Verstand.

Der ursprünglich erste Gang war denn auch ein Highlight

Zartes rosa gebratenes Kalbfleisch wurde nicht ertränkt, sondern badete auf einer harmonischen, auch nicht zu salzigen Thunfischcreme. Gekrönt von einem Stück wachsweichen Thunfischs, der 24 Stunden in Dashi mariniert worden war. Schmale Sardellen-Streifen und frittierte Kapernblüten, allerlei Kresse sowie Tupfer von Safran und Crème fraiche ließen viele Kombi-Möglichkeiten. Eingekochte Teryakisauce sollte den Thun ergänzen, war aber viel zu klebrig geraten und nur mit Kraftaufwand vom Teller zu kratzen. Insgesamt etwas verspielt vielleicht, aber wieder geschmacklich und handwerklich sehr überzeugend mit einer Prise Kreativität.

Vom folgenden, inzwischen wirklich häufig angebotenen Onsen-Ei kann ich (noch?) nicht genug bekommen

In nur leichter Panade anschließend frittiert, hatte das Eigelb cremige Konsistenz, die sich wunderbar mit der aufgeschäumten intensiven Hummerbisque und ihrer schönen Anisnote verband. Beide schmiegten sich perfekt an die al dente gekochten Tagliatelle. Mit Wasabi gefärbter Rogen vom fliegenden Fisch brachte salzige Spitzen und Schärfe. Geiler Teller.

Vor dem Hauptgang wurde ein erfrischendes Rhabarbersorbet mit Holunderblütengelee und frischen Erdbeeren serviert. Aufgefüllt wurde mit Ruinart. Wir wollten den Champagner nicht müde werden lassen und verzichteten auf ein Foto...

Wie häufig, war der Hauptgang etwas konventioneller

Was dem Geschmack der sous-vide perfekt rosa gegarten Lammhüfte natürlich keinen Abbruch tat. Gnocchi aus Süß-  und blauen Kartoffeln sahen geschichtet zwar farblich hübsch aus, erinnerten aber im Mund eher an eine etwas trockene Polenta. Es half die mit schwarzen Oliven intensivierte Lamm-Jus gut weiter. Wie schön, dass uns der Service beizeiten einen Gourmetlöffel bereit gelegt hatte. Auch das Auberginenpüree riss mich nicht vom Hocker. Da für meine Frau freundlicherweise ein vegetarischer Hauptgang gebastelt worden war, kam ich allerdings in den Genuss schön tournierter Gemüse, die allesamt Biss und kräftigen Eigengeschmack mitbrachten. Knuspriges Kartoffelpapier erfreute auch das Auge.

Zum Abschluss wurde mir eine Auswahl affinierter Käse von Maître Antony angeboten. Mich lachten Comté, Ziege mit Asche, Reblochon und ein intensiver Brie de Meaux an, zu denen ich das saftigste Früchtebrot ever mit kräftigen Lebkuchengewürzen knabbern durfte

Der Süße Fan freute sich mehr über weiße Mousse au chocolat in geflämmter und geeister Variante, schwarze Mousse wie üblich und marinierte Erdbeeren, die von allerlei Beeren und Früchtegels begleitet wurden


Fazit: Auch ohne Stern absolut empfehlenswert. Wohlfühlküche - bekannt, aber nicht altmodisch mit einigen netten Ideen. Die Preise vielleicht gefühlt etwas zu hoch, aber für das Gesamtpaket mit Service und Ambiente dann doch wieder nicht.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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