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GastroGuide-User: Hanseat1957
hat Rotana in 28755 Bremen bewertet.
vor 11 Monaten
"Syrien mit Wucht im Bremer Norden angekommen – Schmackhaft und sättigend"

Geschrieben am 16.12.2018 | Aktualisiert am 20.12.2018
Besucht am 15.12.2018 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 69 EUR
Allgemein:

Bremen-Nord ist kein einfaches Pflaster für die Gastronomie. Das Adost, ein groß aufgemachtes türkisches Restaurant, hat keine zwei Jahre überlebt und wird als Steakrestaurant fortgeführt. Der Afghane Pamir in Burg ist auch schon Vergangenheit. Auch nicht alle Griechen sind auskömmlich und so hat das Ifestos an der belebten Kreuzung am Aumunder Bahnhof vor einem Jahr die Türen geschlossen. Lange tat sich in den Räumen nichts. Im Frühsommer begannen dann aber gründliche Renovierungsarbeiten und Aufkleber an den Scheiben kündeten die Neueröffnung eines syrischen Restaurants an. Am 1. November 2018 war es dann soweit, aber Zweifel kamen auf, denn in den neuen, schmucken Aushangkästen fanden sich noch keine Karten.

Im Netz findet sich die Facebookseite https://www.facebook.com/pages/category/Syrian-Restaurant/Rotana-Restaurant-545426065917517/, auf der die Karte einsehbar ist, aber nur für Facebooknutzer. Auch am besuchten Samstag, sechs Wochen nach der Eröffnung, immer noch keine Karten im Aushang. Sie seien zwar gekommen, so unsere aufgeschlossene Kellnerin, aber leider fehlerhaft. Damit schadet sich der Wirt, denn wie ich aus meinem Bekanntenkreis hörte, „kauft man nicht die Katze im Sack“, will sagen, dass man ein Restaurant nur aufsucht, wenn man einen Blick in die Karte werfen konnte. Im Restaurant gibt es schöne Flyer mit der Karte und einen solchen hatte ich Anfang November herausgeholt und das Speiseangebot macht neugierig. Als Wirt hätte ich zumindest die Flyer im Aushang angebracht.

Nach Auskunft unserer Bedienerin kommt der Wirt aus dem Waschmaschinenhandel. Aber zumindest hat er sich eine gute Mannschaft zusammengestellt, die ihr Fach ordentlich bis gut versteht.

Syrisch ist in Bremen stark im Kommen und nach dem Großrestaurant Al Dar in der Überseestadt waren die letzten Neuzugänge das Nayla in Findorff (2016) und das Albeek in Hastedt (2018). Alle drei besuchbar; das Nayla hatte bislang die Nase vorn.

Das Rotana hat einen Schwerpunkt bei Grillgerichten und damit eine größere Nähe zu türkischen Grillrestaurants, aber auch Geschmortes weiß zu gefallen. Auch sind die Portionen üppig im Vergleich zur Peergroup. Das kommt im bodenständigen Aumund-Hammersbeck sicher gut an, denn hier setzt sich das zu verköstigende Publikum nicht aus Studenten, Lehrern oder Grün-Alternativen zusammen.

Die Facebookseite zeigt etliche Eintragungen arabischer Besucher, aber am Samstagabend war das im rechten Bereich gute besuchte Restaurant fest in der Hand mittelalter deutscher Pulloverträger. Nur ein junges Pärchen, zu dem sich zuweilen einer der Köche setzte, war türkischer oder arabischer Herkunft. 

Wir können das Rotana gerne empfehlen, denn hier stimmt schon das Meiste und das Preis-Leistungsverhältnis ist mir solide vier Sterne wert.

Mit dem Rotana hat die Nordbremer Restaurantlandschaft eine überzeugende Alternative zur griechischen, türkischen und kroatischen Grillküche gewonnen.
 
Service:

Unsere erfrischende weibliche Kellnerin führte uns zu unserem Tisch, auf dem unser Namen fast richtig geschrieben vermerkt war; telefonische Reservierungen klappen also. Sie sprach auch ein akzentfreies Deutsch. An den Tischen zudem eine sehr junge deutsche Frau (Mädchen würde besser passen), ebenfalls offen und freundlich und ein älterer männlicher Kellner im klassischen Schwarz-weiß-Outfit. Auch er sprach ein gutes Deutsch. Der Wirt und die Küchencrew sollen allesamt syrischer Abstammung sein.

Die Vorspeisen werden brav annonciert, was bei überwiegend Pastösem auch passt.

Was ist verbesserungswürdig: Mit dem Überreichen der Karte sollte der erste Getränkewunsch aufgenommen werden. Hier hörten wir nur ein „gleich“ und mussten uns gedulden. Wenn serviert wird, sollten leere Gläser unaufgefordert abgeräumt werden.

Ansonsten ging es zügig zu.

Wie meist, hatten wir uns mit der Speisenorder eine Pause zwischen Vor- und Hauptspeisen erbeten. Dem wurde im Ergebnis nicht entsprochen, denn nur kurze Zeit verging zwischen dem üppigen Vorspeisenmahl und dem Servieren unserer Hauptspeisen. Hier sollte dem Gast angeboten werden, dass die Küchenorder erst auf seinen Wunsch hin ausgelöst wird.

Positiv festzuhalten ist die offene und freundliche Art aller Servicekräfte, die Abläufe hingegen weisen kleinere Schwächen auf. Dafür drei Sterne.

Die Getränkeauswahl ist leider nicht sehr regionaltypisch. Einen Arak oder libanesische Rotweine sucht man vergebens.

Gezapft wird das lokale Haake-Beck des „grünen“ Großkonzerns für 2,70 € für 0,3 l. Eine Flasche stilles Wasser 0,75 l ist mit stolzen 5,60 € bepreist und mein australischer Shiraz kommt auf 4,80 € für 0,2 l.

Der zweite georderte Ouzo (auch stattliche 2,60 € für den Allerweltsouzo Pilavas) wurde nicht berechnet. Das würde durch ein offenes Spendieren, wie wir es vom Griechen gewohnt sind, aufgewertet.

Essen:

Die Karte ist nicht sehr lang, hält aber einige Rubriken mit sehr unterschiedlichen Zubereitungsarten vor. Sie beginnt mit zehn Vorspeisen, darunter die erwartbaren Schalen mit Hummus oder Joghurt oder Auberginen. Auffällig sind Würzzutaten wie Minze, Granatapfelsirup oder Sesampaste.

Die dreizehn Salat nur vereinzelt orientalisch gewürzt.

Die Hauptgerichte haben einen klaren Schwerpunkt bei Hähnchenfleisch. Zwei Zubereitungsarten, nämlich am Spieß (Shawarma, ähnlich Gyros oder Döner am Drehspieß) oder gegrillte Hähnchen können in der offenen Küche nicht beobachtet werden. Wohl aber alle Gerichte vom Holzkohlegrill, die tatsächlich (siehe Foto) klassisch auf Grillholzkohle gegart werden. Auch hier finden sich wieder Huhn, ergänzt durch Lamm. Huhn und Lamm gibt es auch aus dem Backofen. Eine Konzession an einen aktuellen Trend sind die sechs Burger und da ein großer Ofen für das selbst gebackene Fladenbrot vorhanden ist, finden sich acht Pizzen auf der Karte. Alle Preise bewegen sich in einem moderaten Rahmen und das Rinderfilet als teuerstes Gericht kommt auf 17,40 €.

Noch nicht ahnend, dass wir zwei Vorspeisen vom Haus bekommen werden, wählten wir Kibbeh (frittierte Teigbällchen mit Rinderhack, 9,00 €), Mutabbal (Auberginen mit Joghurt, 4,20 €) und Hummus Beiruter Art (6,00 €).
Vom Haus in normaler Portionsgröße gab es dann noch (geschlossen aus der Beschreibung auf der Karte, den Fotos und der Geschmackserinnerung) Auberginen-Salat und eine Frischkäsezubereitung (Labne?).
Im dazu gereichten Korb großzügige fünf Stücke selbst gebackenes Fladenbrot mit Schwarzkümmel und Sesam, knusprig und warm.

Alle Vorspeisen waren sehr eindeutig und unterschiedlich gewürzt. Mein Favorit war die spendierte Vorspeise mit noch stückiger Aubergine, die sehr erfrischend war und das Hummus. Meine ständige Begleiterin neigte zu Mutabbal, also die Auberginenzubereitung mit Joghurt. Kein Ausfall auf dem gut gefüllten Tisch.
Unpassend fand ich den Aceto Balsamico auf drei Vorspeisen. Hiervon sollte der Koch die Finger lassen. Unvermeidbar wohl die Granatapfelkerne, auf denen ich nicht gerne herumkaue.

Und noch einen Tipp für die Karte: Viele Gäste türkischer und syrischer Restaurants kommen wegen der Vorspeisen. Diese würden gemischte Vorspeisenplatten mit Sicherheit goutieren. Auf der Standardkarte bietet das Rotana dergleichen noch nicht.

Reichlich Langkornreis wurde als Sättigungsbeilage zu beiden Hauptgerichten gereicht. Der Reis ist nicht klebrig und gut gewürzt. Ich denke mal Kurkuma und Kardamom waren dran. Ein paar Pinienkerne und Rosinen thronten auf dem Reis.

Ich hatte Kabse mit Lammfleisch. Laut Karte: Ingwer, Kurkuma, Karotten, Paprika, Zimt, Kardamom, gegrilltes Lammfleisch im Backofen, geröstete Mandeln, 13,50 €. Das klang für mich unwiderstehlich. Nun habe ich gerade recherchiert, dass Kabse ein arabisches Reisgericht ist, das sich durch ein reichliches orientalisches Würzpotpourri auszeichnet. Im Rotana setzt es sich zusammen aus dem bereits beschriebenen Reis, Gemüse (Broccoli, Blumenkohl, Möhre, Gurke) und einigen größeren Stücken gabelzarten Lammfleisches mit Fettanteil. Letzteres liegend auf ein wenig Schmorflüssigkeit. Insgesamt hat es mir sehr gut geschmeckt, aber die Aromatenbombe, die Ingwer, Zimt und Kardamom versprachen, zündete nicht ganz. Hier sollte der Koch ein wenig mehr Mut zeigen.

Meine ständige Begleiterin setzte auf „bekannt und bewährt“, nämlich den Kebab-Teller (13,50 €).

Drei Stränge kräftig gegrillter Lammhackfleischspieße auf dünnem Fladenbrot mit viel Petersilie und ein wenig Deko (Grilltomate und -zwiebel) und zwei getunkten Fladenabschnitten obenauf, leicht scharf. Die Hackfleischspieße und die übrigen Grilladen sind unter dem offenen Holzkohlengrill mit der großen Kupferhaube in einer Kühlung mit Frontglas zu bewundern. Die Hackspieße mit sichtlichem Fettanteil (30 % müssen es sein, damit die Spieße ihre Form halten). Geschmacklich eindeutig Lamm und da bedarf es nur einer zurückhaltenden Würzung. Mit die besten Adana Kebabs, die wir je hatten und sehr empfehlenswert.

Ohne Aceto Balsamico und mit einigen Prisen mehr an Gewürz hat die Küche des Rotana das Potential für 4,5 Sterne; unser gestriges Essen hat solide vier Sterne verdient.

Ambiente:

Das Rotana befindet sich in einem großen Eckhaus, geschätzt aus den Sechzigern. Links und rechts vom Eingang befinden sich die beiden großen Gasträume, offen gestaltet. Gegenüber vom Eingang eine kleine Theke und eine grell erleuchtete Kühlvitrine mit kaum Inhalt. Das wirkt nicht sehr heimelig. Der Eingang verfügt über keinen Windfang und so kam mit jeder Türöffnung unerwünscht viel Kälte ins Restaurant. Hier sollte der Wirt dringend nachrüsten und wenn es nur ein Vorhang ist.

Der Wirt hat das ehemalige Ifestos bis auf die Mauern und Fensterfronten ausgemerzt. Herausgekommen ist ein Ambiente, das allein schon aufgrund der Größe der Räume nicht die filigrane Wohnzimmeratmosphäre eines Albeek erreichen kann. Aus einem Guss ist es schon, was der Restaurantausstatter dem Wirt verkauft hat. Auf dem Boden helles Steinzeug in Holzplankenoptik, darauf stehen die derzeit so beliebten Stühle mit hoher, gepolsterter Lederrückenlehne. Die Tische dunkelbraun und belegt mit einem transparenten Kunststofftischläufer mit floralem Muster.

Die Tischgröße für uns zwei an einem Vierertisch in Ordnung, nicht aber für vier Esser, die reichlich Vorspeisen ordern. Die Laufwege zwischen den Tischreihen sind breit bemessen. Zwischen den Tischen stehen die Stühle eher eng und vor dem Abrücken sollte man schon darauf achten, dem Hintersitzenden nicht zu eng auf die Lehne zu rücken.

An den Wänden großflächige Reliefs aus festem Material, die z. B. rustikale Holztüren darstellen sollen, dazwischen helles Dekomauerwerk.

Bei der Beleuchtung wurde an arabischer Ausstattung gespart, obwohl es ein reichhaltiges Angebot an typischen arabischen Leuchten gibt. Stattdessen Deckenspots und ein verdecktes Leuchtenband, dass ständig die Farbe wechselt und jahrmarktskitschig wirkt. Das ist eine Scheußlichkeit und sollte auf eine warme Farbe reduziert werden. Passend die leicht melancholische Folklore als Beschallung.

Ein Hingucker ist die offene Küche. Man schaut auf einen offenen Grill mit stattlicher Grillhaube, der auch einen Standard bilden muss, denn in einem kurz vor der Eröffnung stehenden türkischen Restaurant in Vegesack kann man die gleichen Hauben sehen. Der Restaurantname dort wie im Rotana eingearbeitet. Anderthalb Meter mag der Grill breit sein und auf langen Spießen aufgezogen oder in Grillgittern wird auf der glühenden Holzkohle gegart. Daneben hat der Brot- und Pizzabäcker seine Arbeitsplatte und seinen großen Edelstahlofen. Wie gesagt: Hähnchengrill oder Drehspieß sieht man nicht.

Für das Ambiente wegen des Grills noch 3,5 Sterne.

Das Restaurant verfügt über Parkplätze auf dem Hof, auf den man durch eine Hofeinfahrt gelangt. Vom Parkplatz aus gelangt man durch einen Hintereingang ins Restaurant.

Sauberkeit:

Sehr gepflegt. Die Herrentoilette ist frisch renoviert und das Farbspiel des Restaurants setzt sich am Boden und an den Wänden fort. Als ich den Raum betrat, überkam mich der Frost, denn an dem Nullgradtag muss das Fenster über der Stehkeramik ständig offen gestanden haben; von Heizung keine Spur. Mit zittrigen Fingern muss man in dieser Kältekammer … (der Rest des Satzes ist Opfer der hausinternen Zensur geworden!).  
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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DerBorgfelder und 11 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.