Zurück zu ELLA im Steigenberger Hotel am Kanzleramt
GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat ELLA im Steigenberger Hotel am Kanzleramt in 10557 Berlin bewertet.
vor 7 Monaten
"Endlich wieder satisfaktionsfähig"
Verifiziert

Geschrieben am 14.02.2020 | Aktualisiert am 15.02.2020
Besucht am 05.12.2019 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 123 EUR
Im Steigenberger „am“ Kanzleramt übernachte ich häufig. Grund 1: Die Nähe zum Hauptbahnhof, was bei späten An- und frühen Abreisen sehr angenehm ist. Grund 2: Die großen, immer noch modernen Zimmer, bei denen ich inzwischen weiß, hinter welcher Schranktür sich der Schuhanzieher verbirgt, wie die Kaffeemaschine und selbst die eigenwillige Verdunkelung funktionieren. Grund 3: Man kennt sich inzwischen, ist recht freundlich und ab und zu gibt es sogar ein Upgrade. Einige Zeit bestand noch ein vierter Grund, als im No.5 ambitionierte Küche sogar mit molekularen Tendenzen angeboten wurde; im kulinarischen Niemandsland am Hauptbahnhof einer der wenigen Lichtblicke. Die Reputation wurde alsbald betriebswirtschaftlichen Überlegungen geopfert und die Küche sank auf „Berliner Spezialitäten“ à la Bulette und Curry-Wurst für bedauernswerte Touristen ab.

Fast zeitgleich mit der Bekanntgabe des Verkaufs an chinesische Investoren öffnete im letzten Herbst das Ella (der Name ebenso wie vormals No.5 gemäßigt originell der Adresse entlehnt), in der tatsächlich kreativ-regionale Küche auf einem durchaus guten Niveau gekocht wird. Dass man hier ein gehobenes Angebot etablieren will, zeigt sich nach meiner Einschätzung u. a. daran, dass der neue Restaurantleiter aus dem F&B-Bereich des Adlon gekommen ist. Wie zu erwarten, hatte er alles im Blick und seine junge Mannschaft im Griff. Höflicher Service, souveräner Umgang mit kleinen Anfangsschwierigkeiten und freundlicher small-talk waren selbstverständlich. Manche Dinge kommen nicht aus der Mode; sollten sie jedenfalls nicht. Beim Zweitbesuch sofort wiedererkannt und persönlich zuvorkommend betreut. Gerne 4,5 Sterne für den sehr guten Service.

Sehr freundlich auch der Hinweis, dass der Sauternes nicht wirklich empfehlenswert sei; das stimmte. Wenige Wochen nach der Eröffnung fällt es noch leicht, gewisse Schwächen auf die Vorgänger zu schieben. Ich unterstelle, dass im Weinkeller ein kleiner „Ausverkauf“ stattfand. So erklärt sich vielleicht der Umstand, dass die Weine überwiegend mit dem 3-bis 3,5-fachen kalkuliert sind, es jedoch einige Angebote lediglich zum Doppelten des Internetpreises gab.

Das Ambiente ist eine gelungene Weiterentwicklung des bisherigen Designs. 

Klar erkennbar die Zugehörigkeit, aber mehr warme Gold- und Brauntöne dominieren und schaffen Behaglichkeit. Die Beleuchtung freundlich, aber ausreichend. Ein wenig Metallkunst soll wohl Urbanität vermitteln.

In der Küche eine junge Mannschaft unter Führung eines „Überlebenden“ aus dem No.5, der sich gern für ein Schwätzchen nicht nur über die „good old times“ zu mir setzte.
Die Karte ist übersichtlich, aber ausreichend; ein sehr gutes Zeichen. Alles, was ich bei meinen zwei Besuchen wählte, kam frisch auf den Teller.

Der Auftakt fiel indes enttäuschend aus. 

Schwaches Weißbrot, unauffälliges spanisches Bio-Olivenöl, kein weiterer Gruß.
Ich „tröstete“ mich mit einem weißen Belsazar Wermut (7€) und damit, dass die 11€ für 0,2l Blauschiefer Riesling von Molitor hier früher schon für 0,15l aufgerufen wurden. Wer sagt, dass immer alles teurer wird?

Aber dann ging es los: Mit knusprigem Land-Ei, ausgebacken in Panko- knusprig, flüssig, sehr gut. 


Saiblingskaviar und frischer Staudensellerie-Radieschen-Salat, den ich mir etwas weniger angewärmt gewünscht hätte, harmonierten gut dazu. Einziges Manko: Dem Gericht fehlte deutlich Salz, der Kaviar reichte da nicht. So blieb der Gesamteindruck recht lasch, aber dem war ja abzuhelfen. 14€ für ein Ei und Salat sind allerdings kein Sonderangebot...

Schon ganz anders die 7€ für den heißen, kräftigen Rinder Tee, dem man sein Grundprodukt ansah und -schmeckte. 

Die Vollkornfrittaten-Streifen gingen mit ihrem lockeren, deutlich gewürzten Kräuterteig 

weder optisch noch geschmacklich unter. Reichlich Schnittlauch-Röllchen sorgten für Biss und Kräuterfrische. Einfache Küche, bestens gemacht!

Als abschließendes Hauptgericht hatte ich für den erholsamen Nachtschlaf ein leichtes Frikassee vom Kikok-Huhn für 24€ gewählt, das mit zartem, schmackhaften Geflügelfleisch punktete. 

Für Knack sorgten Streifen von Zuckerschoten. Oder sollten es jedenfalls, doch wenn sie zu lange gegart werden, machen auch die süßen Schoten schlapp. Schade, der einzige handwerkliche Fehler. Ansonsten: Naja. Die helle Sauce nicht misslungen, wieder recht vorsichtig gesalzen. Frühlingsgemüse - Erbsen, Karotten, Kohlrabi - im November immer so ein Punkt. Und wie fest oder weich Gemüse sein darf, ist ja sowieso Geschmacksache.

Insgesamt war ich aber sehr zufrieden mit dem neuen Ella und freute mich schon auf die zweite Runde.

Bei der es schon mal mehr und vor allem deutlich frischeres Brot gab. 

Es geht voran!

Da am nächsten Tag zunächst nur eine entspannte Heimfahrt anstand, wählte ich zu den Speisen ein leichtes Kunststück aus der Unterwelt (49€)

Als Aperitif zum Durstlöschen 

eine Berliner Weiße der Craftbeer-Brauer von BRLO (6€, ups). Gar nicht süß; im Gegenteil war mir die Mische deutlich zu sauer.

Mein Salat zum Einstieg 

zeigte den Anspruch des Hauses (und auch die etwas konfuse Preisgestaltung, 18€!): Baby-Grünkohl in leichter Cranberry-Ingwer-Vinaigrette mit in Glühwein eingelegten Birnenspalten, sehr lecker. Das hatte Biss, harmonierte gut und war frisch und interessant, erst säuerlich mit einem Hauch von Schärfe. Auf die Dauer dominierte dann aber die Süße zu sehr, so dass ich mir noch eine salzige Komponente wünschte. Leider war kein Bacon möglich, die Frühstücksküche scheint komplett getrennt zu sein. Dafür bedachte mich die Küche sehr großzügig mit Entenbrust, 

die eigentlich für eine Pastinaken-Karotten-Suppe vorgesehen waren und noch nicht einmal berechnet wurden. Leider etwas sehr zäh, aber geschmacklich erfüllte es seinen Zweck, passte sogar ideal zu den Beeren. Und außerdem schaut man einem geschenkten Wasservogel ja nicht in den Schnabel!

Winterlich folgte eine Kartoffelschaumsuppe mit Merguezscheiben für schmale 7€. 

Ausgebratenes Fett gemischt mit Chili-Öl sorgte für kräftigen Wumms. Vielleicht blieb deshalb die Wurst ungewohnt zurückhaltend. Stark aber auch der kräftige Einsatz von frischem Majoran, natürlich sehr passend zum Kartoffelgeschmack, muss man nur (wie ich) mögen.

Vor dem „obligatorischen Abschluss" hatte ich mir gebratenen Saibling (24€) bestellt, der auf einer ganzen Armada von exakt gegarten, in Butter geschwenkten kleinen Kartoffeln liegend, an den Tisch kam. 

Wunderbar heiß war der leckere Lachsfisch und mit schöner krosser Haut. Da ich Filet gern glasig mag, vielleicht einen Tick zu weit, aber noch tadellos. Piment d‘Espelette sorgte für etwas Schärfe, der Kaviar für eine Überraschung, denn er war deutlich erkennbar geräuchert. Nicht nur der Fisch war im grünen Bereich, sondern ebenso rund tournierten Gurkenstücke und das nicht nur optisch. Auch vom Geschmack sehr stark und möglicherweise ein kleiner regionaler Fingerzeig in den Spreewald. War es bei der Kartoffelsuppe Majoran gewesen, arbeitete der Koch beim Fischgang mit reichlich Estragon, aber in kleinen Büscheln, quasi zum (etwas schwierigen) selbst dosieren. Einerseits lecker, aber doch schon ein wenig schlapp, nicht wirklich inspiriert. Dagegen geriet so etwas Banales wie die Zitrone zum Fisch durch starkes Anrösten zu einem überzeugenden Detail. Sehr stimmig, sehr stark. Für eine „Hotel-Küche“: Bravo!

Die kleine Käseauswahl (12€) 

bestand aus Vacherin Mont d‘Or, Heukäse und Comté und schien mir etwas zu jung, jedenfalls zunächst etwas zu kalt. Allerdings hatte ich mich auch erst während des Essens zur Bestellung entschieden. Der Tawny (7€) schmeckte, ein LBV wäre noch schöner gewesen. Aprikosenchutney war erkennbar und recht pikant. Leider kam auch das Nussbrot direkt aus der Kühlung. Das hätte man ohne Weiteres schnell anwärmen können.

So blieb quasi ein kleiner Schönheitsfleck auf einer ansonsten überzeugenden Leistung von Küche und Service, die dem Ella im Steigenberger von mir sehr gerne eine Empfehlung einträgt.
Die Angaben zum Aufwand beziehen sich auf den zweiten Besuch; für den kleinen Imbiss bei der Premiere habe ich ziemlich genau die Hälfte gezahlt.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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