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GastroGuide-User: Shaneymac
hat Hartmanns im Windhövel in 42657 Solingen bewertet.
vor 2 Wochen
"Warum in die Ferne schweifen? Über gepflegte, nachbarschaftliche Gutbürgerlichkeit in erfreulicher Tagesform…"
Verifiziert

Geschrieben am 18.07.2021 | Aktualisiert am 19.07.2021
Besucht am 16.07.2021 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 57 EUR
Eine aufregende Woche geht zu Ende, eine Woche, die sich wohl so tief in das kollektive Erinnern und die Solinger Stadtgeschichte graben dürfte, wie das Wasser, das in den Tallagen der Stadt vielerorts dafür verantwortlich war.
 
Im Stadtteil Unterburg, der es Dank des Eschbachs und der Wupper dieser Tage vielfach in die Medien schaffen sollte, habe ich einen  Großteil meiner Kindheit und Jugend verlebt, meine Eltern leben bis heute dort, mein Elternhaus steht unweit der Wupper: ein Ort, naturgemäß verbunden mit unzähligen Erinnerungen.
 
Als ich am Mittwochnachmittag, alarmiert durch Berichte aus Unterburg, mit meinen Eltern telefonierte stand zwar schon etwas Grundwasser im Keller, in der Nachbarschaft liefen die Pumpen an, die Situation schien aber noch beherrschbar, obwohl der historische Ortskern schon teilweise unter Wasser stand, die Polizei hatte den Ort daher schon am frühen Abend komplett abgeriegelt.
 
Wenn man dann allerdings am späten Abend erfährt, dass es Bedenken hinsichtlich der umliegenden Talsperren gäbe, hinsichtlich Standfestigkeit, notwendiger Notablässe und befürchteter folgender Flutwellen (der WDR warnte sehr konkret davor), dass auch die elterliche Nachbarschaft innerhalb von Minuten knietief unter Wasser stand, der Katastrophenschutz hier noch wesentlich höhere Pegel in kürzester Zeit befürchtete und man den gesamten Stadtteil not-evakuierte, dann ist das alles andere als eine schöne Situation, zumal meine Eltern auch nicht mehr die Jüngsten sind, wie man sich vorstellen kann.
 
Hunderte Menschen konnten nur die nötigsten Papiere einpacken, als sie von jetzt auf gleich von Rettungskräften mit Nachdruck aus ihren Häusern beordert wurden, mit den Haustieren unter dem Arm durch knietiefes Wasser waten mussten und mit Bussen in Notunterkünfte gebracht wurden, bangten die ganze Nacht um ihr Zuhause, ihr Hab und Gut.
 
Deren Angehörige in anderen Stadtteilen verlebten eine Nacht der Ungewissheit, da unweit von uns u.a. alle Hilfskräfte aus dem Raum Köln in Richtung Burg vorbeifuhren, war der Horror-Soundtrack der gesamten Nacht ein ständiges Auf- und Abschwellen unzähliger Martinshörner von THW und Feuerwehr, die ruppigen Nebenwirkungen meiner Erstimpfung von Dienstag waren in diesen bewegten Stunden nur noch eine wehleidige, lächerliche persönliche Randnotiz.
 
Auch in Unterburg stehen nun Existenzen auf dem Spiel, allerdings blieben die befürchteten weiteren Flutwellen in der Nacht aus, was zu katastrophalen Szenarien wie in rückblickend weitaus schwerer betroffenen Orten in der Eifel hätte führen können.
 
Und so kam die Nachbarschaft meiner Kindheit größtenteils mit gefluteten Kellern davon, was sicherlich auch nicht etwas ist, was man sich sehnlich herbeiwünscht.
 
Aber ich glaube, ein sichtlich erschöpfter Nachbar, mit dem ich mich gestern vor Ort unterhielt, sieht seine persönliche Lage recht realistisch, er hatte Dank des mehr als zweitägigen Stromausfalls und der unermüdlichen Aufräumarbeiten, erst am Samstag die Bilder aus Orten wie Schuld oder Erftstadt gesehen und war völlig schockiert.
 
„Wir haben hier sehr viel Glück gehabt, auch wenn es sich Mittwochnacht anders anfühlte und wir dachten, die Häuser sind verloren, war das gottseidank rückblickend ein halber Kindergeburtstag.“
 
Das mag mancher direkter Anwohner der Eschbachstraße noch etwas anders sehen, hier stand das Wasser bis zum ersten Stockwerk, für die Fraktion „abgesoffener Keller“ aber trifft es sicher zu.
 
Gottlob kam niemand zu Tode und der nachfolgende Zusammenhalt der Burger war beispiellos, es bleibt zu hoffen, dass dies tatsächlich das „Jahrtausendereignis“ bleibt, von dem jetzt immer die Rede ist, ich habe aber das beklemmende Gefühl, das sich solche und „Jahrhundertfluten“ etc. inflationär mehren.
 
Am Freitag hatten sich die Pegel weiter normalisiert, das Sirenengeheul der letzten 36 Stunden verstummte allmählich, dem Schock folgte tatkräftiges Aufräumen und auch Abertausende besorgter Angehöriger und Freunde konnten aufatmen, weiterhin Hilfe anbieten wo es nur ging und diesen Angeboten auch Taten folgen lassen.
 
Eigentlich hatte ich für diesem Freitag Anfang der Woche vorsichtig geplant, ein neues spanisches Restaurant in Ohligs auszuprobieren, denn wenn ich irgendetwas liebe, dann sind es richtig gute Tapas und die fehlen in Solingen nach wie vor, aber dieses Schicksal ist abseits der Metropolen nicht nur ein Problem der Klingenstadt.
 
Aber nach der emotionalen Achterbahnfahrt dieser Woche und beruflichen Terminen bis in den frühen Abend war mir weder nach Taxifahrten noch danach, auf eigener Achse nach Ohligs zu tuckern und ich entschied, endlich den überfälligen „Nach-Lockdown-Besuch“ in meiner unmittelbaren Nachbarschaft anzutreten.
 
Über das Windhövel und die Übernahme des traditionsreichen Lokals durch das Haaner Gastronomenpaar Agnes und Henry Hartmann hatte ich in meiner Erstkritik im Herbst 2019 schon erschöpfend berichtet, damals schrieb ich über drei Besuche an „Strohwitwerabenden“, an denen ich mich sehr über die solide gutbürgerliche Nahversorgung freute.




 
Man bietet handfeste Gerichte mit einem deutlichen Hauch von Brauhaus-Küche, die gerne auch regionalen Charakter besitzen, es ist daher naturgemäß nicht unbedingt Kulinarik für hochsommerliche Temperaturen, zumindest was die Stammkarte angeht, aber von diesen waren wir an diesem milden Freitag auch noch weit entfernt.

https://www.hartmannsimwindhövel.de/speisekarte
 
Meine kurzfristige telefonische Reservierung am Nachmittag ergab, dass wir wohl nur noch einen der kleinen Tische an der umlaufenden Bank im vorderen Bereich bekommen würden, wie auch bereits von Beginn an und vor dem Dauerlockdown erfreut sich das Lokal größter Beliebtheit und auch die Wassermassen der letzten Tage haben den Solingern den Appetit nicht verdorben, soviel stand da schon fest.
 
Sieht man von einer erfrischenden schnellen Dusche ab, ging es für mich und meine ständige Begleitung um 18 Uhr quasi direkt vom Laptop und Videokonferenz in das benachbarte Bergische Schieferhaus wo uns Frau Hartmann in ihrer stets fröhlichen Art herzlich begrüßte und uns freudige mitteilte, dass wir, bedingt durch eine kurzfristige Absage, einen schönen Vierertisch im mittleren Bereich der Räume bekommen würden, prima!
 
Wie in 2019 schon berichtet, ist nach der Ära Schlüss viel passiert, die Räume sehen jetzt wesentlich „cleaner“ aus, blieben aber sehr behaglich, wobei ich gestehe, dass ich diesen Puppenstuben-Charme vergangener Tage, mit hunderten historischer Fotos an den Wänden eigentlich sehr mochte und ich bin nach wie vor froh, ein gutes Dutzend davon erstanden zu haben, als Bernd Schlüss damals an einem Sonntag dazu einlud.
 
Täglich erinnern mich jene seither an diese Tage, man muss sich vorstellen, dass die Wände im hinteren Bereich quasi gepflastert waren mit kleinen lokalhistorischen Schätzen wie diesen - der GastroGuide und Exil-Solinger Huck kennt diese Ansichten sicher noch aus seiner Jugend...:-))))

Wer sagt da noch Solingen habe keine Boybands hervorgebracht
die Zwillingswerke um 1900
die im Krieg zerstörte Altstadt
 
Agnes Hartmann wurde heute von einem neuen Gesicht im Service unterstützt, ein adrett gekleideter, gut aufgelegter Zeitgenosse um die Dreißig der seine Sache sehr gut machen sollte, Ehemann Henry ist der Herr über Töpfe und Pfanne und trat wie üblich nur akustisch, nämlich beim beherzten à la minute Klopfen von Schnitzeln in Erscheinung.




 
Für leichte Verwirrung sorgt momentan noch die Lage bei den Speisekarten, es kursieren ganze drei Versionen mit leichten Abweichungen. Auf der Webseite und im Kartenkasten am Gebäude gibt es parallel die Standard- und Lockdown-Take-Away Karte und auf den Tischen lag noch eine dritte Variante in Form von bedruckten Papier-Platzsets.
 
Letztere sorgte für eine kleine Überraschung, meine geliebte Knoblauch-Cremesuppe war dort nicht mehr zu finden, eine kurze Nachfrage bei der Chefin ergab jedoch Entwarnung, natürlich sei diese noch zu bekommen, vielleicht ein Druckfehler inhaltlicher Art, ich frage nicht näher nach sondern freute mich einfach.
 
Erste Getränke, eine gut gekühlte Flasche Vio Rhabarberschorle, 0,3l zu 3,80 €, sowie ein König Ludwig Weizen, der halbe Liter zu 4,90 € fanden prompt den Weg auf den Tisch, ich hatte Durst und nach ein paar kräftigen Schlucken des bajuwarischen Traditionsbieres setzte nach dieser turbulenten Woche so etwas wie Ruhe und Entspannung ein.
 
 
 
| Vorspeise |
 
Knoblauchcremesuppe – 4,90 €
 
Dass diese schöne Suppe hier genauso viel kostet, wie ein Weizen vom Fass, spricht entweder für die Suppenpreispolitik oder gegen jene in Sachen Hefeweizen im Hause, die Perspektive darf sich jeder selber aussuchen.

Knoblauchcremesuppe
 
Für mich gehört sie seit Jahr und Tag zu einem Besuch im Windhövel, wie das Amen in der Kirche, sie ist eine Freude für Knoblauchfreunde mit Angst vor Vampiren, die auch schon in der Ära Schlüss zu leichten Tagesformen neigte, die jedoch nie enttäuschten.
 
Heute hätte ich mir einen Hauch weniger Säure gewünscht und war froh, beim Bier geblieben zu sein und keinen Weißwein aus der gepflegten Auswahl der offenen Weine gewählt zu haben.
 
Schon zur Vorspeise wurden makellos saubere Acrylglas-Mühlen gereicht, die Pfeffermühle mit einem Mix aus grünem, weißem und schwarzem Pfeffer dabei fast 30cm groß.
 
Diese ehrliche Suppe glänzt mit allem, was man von einer Knoblauchcremesuppe erwarte kann, „ein kräftiges Fundament einer ehrlichen Brühe, ein Schuss Wein und Unmengen frischer Knoblauch, eher zurückhaltend im Salz, angenehm cremige Konsistenz“ faselte ich Ende 2019, wie auch schon sinngemäß in meiner Erstkritik aus 2012, schön, wenn Stammrezepte in einem solchen Haus auch nach einem Betreiberwechsel überdauern.
 
Dazu gab es einen kleinen Brotkorb mit angegrilltem Weißbrot, meine Madame war heute nicht besonders hungrig aber ich trat gerne ein Drittel meiner Portion an sie ab, als handfeste Cremesuppe besitzt sie schon einiges Sättigungspotential und meine Begleitung war dann doch froh über einen kleinen Appetithappen vorab.
 
Frau Hartmann und ihre männliche Unterstützung agierten wie gewohnt aufmerksam und mit verbindlicher Freundlichkeit, nach der Zufriedenheit zu fragen ist ebenfalls so selbstverständlich, wie ein sympathisches „Sehr gern!“, wenn man sich für die ein oder andere Nettigkeit bedankte, wie bspw. eine prompt gereichte Getränkekarte. Das gibt dem Haus ein Gesicht, dass perfekt zur Küche und in seiner Mischung aus Zuvorkommenheit, Routine am Gast und Ungezwungenheit sehr gut im Bergischen ankommt, der Zuspruch der Gäste liegt sicher auch hierin begründet.
 
Das Haus sollte sich rasch füllen, ein Pärchen Mitte Fünfzig, die Dame freute sich über die gepflegten Weine und startete zunächst mit einem Glas Sekt in das Wochenende, in etwa die gleiche Szene am Nebentisch, wo es sich zwei offenkundige Arbeitskolleginnen gut gehen ließen.
 
Im hinteren Bereich fanden sich ausnehmend gut gekleidete Seniorenpärchen ein was ich äußerst bedauerlich fand, wie gerne lästere ich doch über den Bergischen Rentner mit kurzärmeligem Karohemd, Bundfaltenhose und Socken in offenen Sandalen, ich glaube, ich muss dringend mal wieder nach Rüden, wenn sich die Lage dort wieder normalisiert hat….
 
Trotz des nun gestiegenen Gästepegels sollten die Hauptgerichte in angenehmen Abstand serviert werden, was Henry Hartmann hier für eine Schlagzahl an den Tag legt, ist bemerkenswert, meines Wissens ist er alleine in der Küche.
 
Dies auch, weil uns seine Frau nach dem Essen verriet, dass beide vor zwei Tagen ihre Zweitimpfung erhalten hatten und nur dank massivem Ibu-Einsatz überhaupt auf dem Posten sein konnten und der arme Kerl am Vortag nach Küchenschluss so am Ende war, dass er sich erstmalig direkt nach oben – sie wohnen über dem Lokal, wie auch vormals das Ehepaar Schlüss – schleppte um sich hinzulegen.
 
Ich habe einen Heidenrespekt aber auch etwas Mitleid für diese Leistung, jeder normale Arbeitnehmer hätte sich wohl krank gemeldet angesichts dieser Symptome, und dass die Hartmanns auch wirklich hart im Nehmen und alles andere als Jammerlappen sind, das habe ich in den letzten zwei Jahren erleben dürfen.
 
 
 
| Hauptgerichte |
 
Landhaus Salat – 12,90 €
Zwiebelrostbraten Bergische Art - 21,90 €
 
Bergisches Landbier – 0,3l zu 2,90 €
 
Der Landhaus Salat war die Wahl meiner Begleitung, sie liebt Salate mit warmen Beigaben und ist wohl die Kernzielgruppe des vielerorts obligatorischen „Salat mit Streifen von der Hähnchen / Putenbrust“, welchen diese Variante hier mit zusätzlichen, sautierten geviertelten Champignons aufwerten sollte.
 
Landhaus Salat

Die Investition in neues Geschirr sollte sich bezahlt machen, neben einer ohnehin netten Garnitur auf dem Teller macht alles nun einen optisch wesentlich schöneren Eindruck.
 
Bei aller Optik bleibt dies natürlich im Kern Brauhausküche aber als solche eine sehr gute, gelobt wurden die Vielfalt des frischen Salates, die mundgerechte Verarbeitung der Gemüse, das Fehlen von roher Zwiebel sowie ein sehr leckeres Honig-Senf-Dressing. Jenes hatte ich auch bei meinem Beilagensalat und sehe es als deutliche Verbesserung im Gegensatz zum geschmacklich vergleichsweise leicht blassen, optisch eher klaren Hausdressing aus 2019.
 
Nochmals Stichwort Optik: aus der Ferne betrachtet befand ich die Pilze und das Fleisch etwas blass, was mein Gegenüber aber empört bestritt, alles hätte prima Röstaromen und das Huhn sei saftig ohne zu stauben, der Teller wurde inklusive der Erdbeere – die Kombi lobte sie noch am nächsten Tag - in der Garnitur ratzfatz leergeputzt.
 
 
 
Bei meinem Zwiebelrostbraten Bergische Art hatte ich vorsichtshalber vorab nachgefragt, weil die hiesige Gastronomie unter dem Motto „Mach’s Bergisch!“ gerne ohne jede kombinatorische Rücksichtnahme mit Kottenwurst, Senf und rohen Zwiebeln hantiert, so als ob die gute alte Kottenbutter (ein belegtes Schwarzbrot, Solinger Urtradition) die einzige Insignie lokaler Kulinarik sei; größte Vorsicht ist also geboten, wenn einem ein „Cordon Bleu auf Bergische Art“ etc. pp. auf Karten begegnet.

Zwiebelrostbraten Bergische Art
 
Gottseidank beschränkt man sicher aber auf ein Bergisches Landbier in der aus dem Bratensatz gezogenen Soße, weshalb ich mich auch für ein solches als Getränkebegleitung entschied, was dann auch perfekt harmonieren sollte.


 
Ein wahres Trumm von Rumpsteak, dazu appetitlich anzuschauende in der Pfanne geschmorte Zwiebeln und auch wenn einige der Bratkartoffeln auf dem Foto ihre blasse Seite zeigen, waren diese eine Freude in Sachen Röstung.
 
Auch hier wieder eine nette Garnitur, das macht viel aus finde ich und das Fehlen einer solchen hatte ich 2019 noch bemängelt, klare Verbesserung der Sorte kleine Geste große Wirkung.
 
Das sicher fast an die 400 Gramm reichende Steak war perfekt gebraten, schöne Röstung, perfekt medium und dabei zart und saftig.


 
Die Zwiebeln aber fast der heimliche Star, süßlich aromatisch noch mit leichtem Biss, sie hatten nichts von den manchmal breiigen Schmorzwiebeln zu tun, die man hier in den heißen Theken der örtlichen Metzger auf sein Spießbratenbrötchen bekommt.
 
Die  à la minute Bratkartoffeln kamen mit Speck und Zwiebeln, die nicht im Ansatz verbrannt waren, und waren denkbar wenig fettig, ganz solides Handwerk, bravo!
 
Ich habe bei so großen Portionen zwei Erleben: entweder ich weiß nach zwei Bissen, dass ich das nicht schaffen werde weil es mich nicht begeistert oder ich freue mich – entschieden seltener der Fall – über die Üppigkeit auf dem Teller.
 
Hier ging es in letztere Richtung, das einzige, was ich bemängeln könnte ist, dass es relativ wenig von der malzigen, stimmig abgeschmeckten Biersoße gab, trotzdem sollte hier nichts trocken werden, das meiste befand sich unter dem Steak und lief in Richtung der Kartoffeln.
 
Dazu gab es einen kleinen, hübsch anzusehenden Beilagensalat, der in idealer Weise mit Dressing angemacht und nicht lieblos mit Litern Eimersoße überschüttet wird, das ist Liebe zum Detail und nicht 08/15.

Beilagensalat
 
Ich lobe ja immer die süddeutschen Gasthäuser und schrieb kürzlich zum WMTV Restaurant „Turnhalle“ von Torsten  Tückmantel: „Wie angedeutet, hatte ich das in meiner Region seltene Gefühl, in einer von A bis Z mit Leidenschaft und beruflichem Ethos kochenden gutbürgerlichen Gaststätte zu sitzen, ein Gefühl, das ich das letzte Mal im letzten September in Oberbayern hatte, und das ist ein großes Lob angesichts dessen, was man dort in guten Häusern auf den Tisch bringt.“
 
Und exakt dieses Gefühl beschlich mich heute wieder, hätte ich dieses Gericht in einem gepflegten bayerischen Traditionshaus so erhalten, wäre ich sehr glücklich gewesen.
 
Als Frau Hartmann fragte, ob alles recht sei, fragte ich, ob der Rostbraten immer so üppig ausfällt und sie erinnerte sich prompt an meinen letzten Besuch vor fast zwei Jahren, als ich das recht überschaubare Rumpsteak vor Ort lakonisch augenzwinkernd kommentierte: „Eigentlich schon, und das letzte Mal hatten sie ja schließlich Carpaccio wenn ich mich richtig erinnere.“ Diesmal zwinkerte sie mir zu, touché liebe Frau Hartmann. :-)
 
 
 
| Dessert |
 
Kaiserschmarren – 5,90 €
 
Wer jetzt denkt, dass der Schmarren auf dem Foto etwas mickrig aussieht wird vielleicht gnädig gestimmt, wenn er erfährt, dass dies nur die Hälfte der Portion ist, das Bild zeigt also quasi 2,95 € wenn man so will.

Kaiserschmarren (Hälfte derPortion, es gab zwei solcher Teller für den Gesamtpreis von 5,90€)
 
Wir waren beide so satt, dass wir uns die Portion teilen wollten, auch wenn der Preis schon andeutete, dass es nicht einer der familientauglichen Monsterteller werden würde, die einem im Alpenraum begegnen.
 
Für dieses Geld jedem einen Teller zu richten, mit einer Kugel von gutem Vanilleeis, leicht stückigem Apfelmus das einen hausgemachten Eindruck machte - auch wenn ich das niemals glaube - und etwas frischer, vollreifer Erdbeere, das ist aller Ehren wert.
 
Und dies auch, wenn es eher eine „quick & dirty“ Variante eines Kaiserschmarren war, dem die Luftigkeit und Muße eines originalen solchen etwas fehlte, verfehlte sie mit ihrer leichten Zimtnote und angerösteten Mandelblättchen die Wirkung eines beglückenden warmen, teigigen Desserts, das ich so liebe, in keiner Weise.
 
Madame merkte derweil an, wie froh sie sei, dass wir hier hin seien, auch weil wir so nah wohnen, sie würde gerne öfter hier hin, ihre Vorlieben wurden völlig bedient, sie mag diese Küche und die ungezwungene und doch gepflegte Atmosphäre im Windhövel sehr.
 
Na denn, happy wife happy life, ich bat um die Rechnung, weil ich noch die 20:15 Sondersendung zur Flut schauen wollte und unser netter Kellner brachte noch zwei Alte Kirschen von Prinz aufs Haus.

Prinz Alte Kirsche
 
Das 2cl von diesem hocharomatischen Qualitäts-Brand eigentlich für 3,90 € auf der Karte stehen und nach einem solchen, nicht gerade hochpreisigen Essen „aufs Haus“ gehen finde ich bemerkenswert, das ist Gastlichkeit in Reinform und hat mit dem Desinfektionsmittel, das bei den meisten Griechen vor und nach dem Essen „aufs Haus“ geht wenig zu tun - gleiches gilt für die Abteilung Balkan-Grill, die sich auch meist auf vergleichbarem Preisniveau wie die Küche im Windhövel bewegt.  
 
Auch wenn das EC Gerät in seinen Abmessungen den Eindruck macht, im Inneren sei entweder eine komplette Typenrad-Schreibmaschine oder ein kleiner Japaner mit High-Speed Kalligraphie Skills am Werke, konnte die Kartenzahlung problemlos am Tisch erledigt werden.
 
Ich plauderte mit dem neuen Gesicht im Service noch etwas über die Umweltsünde Thermopapier und Bonpflicht bevor es die wenigen Schritte zurück zum heimischen Sofa und motzenden Katzen ging und mich die Bilder im Fernsehen und die Todeszahlen wieder gedanklich zurück zur Einleitung bringen, bei allem Schaden und Leid im Einzelfall: Solingen, bzw. Unterburg hat auch Glück gehabt, vielleicht mehr als uns bewusst ist.
 
 
 
Fazit
 
Verglichen mit in Sachen Küchenstil vergleichbaren Häusern (ich bewerte immer innerhalb eines Genres und vergleiche mit den Sternen niemals Äpfel und Birnen) wie dem WMTV Restaurant oder dem Schaberger Bahnhof komme ich auch hier auf verdiente 4,5 Sterne für die Küche.
 
Auch wegen der Detailverbesserungen, wie nicht mehr fettige Bratkartoffeln oder durchweg netter Garnitur, mündet das in einem halben Stern mehr als in 2019, mehr als verdient wie ich meine.
 
Der Service dem Setting entsprechend perfekt, man ist immer präsent, ausnehmend freundlich, es unterlaufen keine Fehler beim Servieren, kein „wer war noch mal die Leber?“ o.ä. und Frau Hartmann konnte auf Nachfrage am Nebentisch auch etwas zu den Weinen sagen. 5 Sterne für diese Leistung, ich weiß beim besten Willen nicht, was man hier mehr erwarten kann.
 
Das Ambiente gepflegt rustikal bergisch mit modernen, eher zeitlosen Details oder so mancher liebevoller Deko und es gibt u.a. immer frische Blumen im Außenbereich, gute vier Sterne hierfür.
 
Die Sauberkeit makellos, alleine wer die gepflegten Acrylglas-Mühlen für Salz und Pfeffer sieht, die nach jedem Gebrauch an der Servicestation am Tresen desinfiziert wurden und ohne jeden Fingerabdruck den Tisch erreichten, wird hier keine Sorgen in dieser Disziplin haben.
 
Bei Preis-Leistung bin ich nach wie vor bei guten vier Sternen das Essen hat hier die Nase spürbar vorne aber die Getränke sorgen in Relation doch sehr spürbar für gelungene Deckungsbeiträge, was in Summe aber mehr als in Ordnung geht.
 
Und damit verbessert sich das Windhövel auch in der Gesamtwertung um einen halben Stern auf sehr gute und verdiente 4,5 Sterne, darüber habe ich mich gefreut und hoffe, es dauert nicht wieder 20 Monate bis zum Folgebesuch, aber da ich bin ich guter Dinge…
 
 
 
 
 
 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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