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GastroGuide-User: tischnotizen
hat Schuberts Brasserie in 30173 Hannover bewertet.
vor 5 Monaten
"Zwischen Klassik und Moderne"

Geschrieben am 02.03.2020 | Aktualisiert am 02.03.2020
Besucht am 17.01.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 205 EUR
Aus dem „Zauberlehrling“ wurde Ende 2018 „Schuberts Brasserie“ (erfreulicherweise endlich mal ohne grammatikalisch falsches Apostroph!). Jan Schubert übernahm die Räumlichkeiten von Roderick von Berlepsch, der vor allem für seinen opulenten Weinkeller bekannt war. Einen Eindruck davon kann man noch bekommen, wenn man auf dem Weg zu den Sanitärräumen die imposant aufgestapelten Weinkisten passiert oder einen Blick in das Allerheiligste wirft. Mutmaßlich hat auch vom damaligen Weinbestand noch einiges den Weg auf die aktuelle Weinkarte gefunden.
 
Interieur
 
Wir waren nie im „Zauberlehrling“, können daher auch keinen Vergleich zum Ambiente machen. Der große Raum ist angenehm beleuchtet, die bodentiefe Fensterfront sorgt für transparente Atmosphäre, die Tische sind sparsam, aber geschmackvoll eingedeckt. Gesamteindruck: gemütlich.
 
Interieur
 
In der Küche steht Robert Awakjan, der mit Stationen im Schlosshotel Münchhausen und der „Ole Deele“ auch Erfahrungen aus der Gourmetküche mitbringt. Allerdings hat man konzeptionell in „Schuberts Brasserie“ eher eine verfeinerte bürgerliche Küche im Blick und gönnt sich hierbei den ein oder anderen kreativen Schlenker. Der „Gault Millau“ lässt hierfür aktuell 13 Punkte springen.
Auch in der Preisgestaltung hebt man nicht ab. Vorspeisen liegen bei etwa 10 – 16 Euro, Hauptgerichte bei ca. 20 – 25 Euro, Desserts bei 8 – 10 Euro. Ein Monats-Menü, das sich aus dem à la Carte-Angebot zusammensetzt, ist in 3 – 5 Gängen (39 - 56 Euro) erhältlich.
 
Bei unserem Erstbesuch entscheide ich mich für eben dieses Menü, eine Freundin bestellt zwei Gänge daraus à la Carte. Mengenmäßig können wir da keinen Unterschied ausmachen, so dass sich am Ende, je nach Sichtweise, die Frage nach dem Preisvorteil oder -nachteil stellt.
 
Vorweg grüßt die Küche mit einer modernisierten Variation des „Matjes Hausfrauenart“, bei dem vor allem das Gurkenschmandeis für Frische sorgt und die übliche Schwere nimmt.
 
Amuse Bouche: Matjes "Hausfrauen Art", Gurkenschmandeis
 
Das Tatar vom Rind ist offensichtlich von Hand geschnitten, was immer meine präferierte Option ist. Die Pilze sind gut mariniert und auch texturell bietet das Gericht Abwechslung. Für mich hätte es nur etwas würziger sein können. Aber beschweren will ich mich nicht. Es ist nicht mein Teller und unser Freund ist zufrieden.
 
Beeftatar mit Variation von Pilzen und Schwarzbrot
 
Mein Menü startet mit Kaisergranat und Cocktailsauce. Bei letzterer kommen bei mir erstmal 80er-Jahre-Assoziationen auf, aber im Grunde funktioniert das hier recht gut. Vor allem, weil der gebratene Romanasalat hier einen guten Kontrapunkt setzt und wirklich lecker ist. Der Kaisergranat leidet ein wenig darunter, dass er etwas weich geraten ist. Ansonsten ist das ein guter Gang.
 
Kaisergranat mit Cocktailsauce, Avocado und Tomate
 
Weiter geht es mit Blankett de la Mer, hier bestehend aus Lengfisch, Zander und Jakobsmuschel. Die sind gut gegart, aber die Mitspieler, Reis, Erbsen und Mangold können mich nicht recht überzeugen. Es weht ein wenig der Hauch von Studentenküche über dem Teller. Die Krustentiercreme ist leicht süßlich, fast schon fruchtig. Insgesamt ist das für mich leider nicht mehr als ordentlich.
 
Blankett de la Mer mit Mangold, Erbsen und Reis
 
Einer der Klassiker auf der Karte von „Schuberts Brasserie“ ist die Rinderroulade mit Rotkohl und Stampfkartoffeln, für die sich mein Mann im Hauptgang entscheidet. Und hier stimmt wirklich alles. Das Fleisch ist superzart, die Sauce intensiv. Das ist allerbeste Hausmannskost und Hausfrauenküche.

Rinderroulade mit Rotkohl, Stampfkartoffeln und Röstzwiebeln
 
Für mich folgt Hirschrücken „Baden Baden“. Das spielt natürlich bewusst mit dem 70er-Jahre Klassiker Rehrücken „Baden-Baden“, bei dem vor allem Birnenhälften, Preiselbeeren und Speckscheiben eine Rolle spielen. All das  fehlt hier, zumindest in der traditionellen Form. Das Fleisch ist auf den Punkt gebraten, die Trüffelkroketten nett, aber mit nicht sehr ausgeprägtem Trüffelgeschmack. Die Mandeln auf dem Fleisch erinnern fast etwas an Haferflocken. Gut gefällt mir der Grünkohl mit schönem Biss. Auch ohne die Reminiszenz an „Baden Baden“ funktioniert die Kombination hier sehr gut.
 
Hirschrücken "Baden Baden" mit Birne, Grünkohl und Trüffelkrokette
 
Als Käsegang wird es originell, denn der gehobelte Mimolette ist mit Trüffeleis begleitet, das seinen intensiven Geschmack durch Trüffelpaste erhält. Das Traubenchutney steuert Fruchtigkeit und Säure bei.
 
Mimolette mit Trüffeleis, Traubenchutney und Apfel
 
Auch beim Dessert demonstriert die Küche ihre Lust am  Aufpeppen und Modernisieren von Klassikern. Wie zum Beispiel beim „Kalter Hund“, normalerweise ein aus Kakao-Kokosfett-Creme und Butterkeksen geschichteter Kuchen, der bereits nach einer Scheibe wie Backstein im Magen liegt und locker den Kalorienbedarf einer halben Woche deckt.
Robert Awakjan macht in seiner Version daraus ein elegantes Spiel aus Biskuit, Spekulatius, Maronencreme und schwarzem Vanilleeis, das seine Farbe durch verbrannte Kokosnuss erhält. Das ist toll gemacht und für mich an diesem Abend der stärkste Gang.
 
"Kalter Hund" - Biskuit mit Kakao und schwarzes Vanilleeis
  
Zum Abschluss spendiert die Küche zum Kaffee noch einen Würfel Baumkuchen.
  
Dieser erste Besuch in „Schuberts Brasserie“ hat uns positiv überrascht. Die Stimmung stimmt, der Service ist freundlich und das Essen bietet einen schönen Mix aus Bürgerlichem und Kreativem. Dennoch haben mich manche Gerichte nicht vollständig überzeugen können, so dass ich mit einer Bewertung noch warten wollte.
 
Bei unserem Zweitbesuch im Januar grüßt die Küche wieder mit einem Amuse in der Austernschale, diesmal mit geräucherter Forelle mit Meerrettichschaum und Kartoffelstroh. Das bedient einen klassischen Geschmacksakkord, der auch hier harmonisch funktioniert.
 
Amuse Bouche: Geräucherte Forelle mit Meerrettichschaum
 
Meine bessere Hälfte startet heute mit Makrele, die mit marinierten Apfelwürfelchen angerichtet ist. Dazu gibt es separat einen lauwarmen Sud aus geräucherter Makrele. Das ist mild, gut abgeschmeckt und ein schöner Einstieg.
 
Makrele / Granny Smith / Dinkel / Perlzwiebel
 
Ich mache mich derweil an die vegetarische Vorspeise, die sich jahreszeitlich angemessen diversen Wurzelgemüsen widmet. Steckrübe kommt als Püree, Schwarzwurzel geröstet und als Chips, Kerbelwurzel als Sud und Kohlrabi. Das ist erdig und bietet ein abwechslungsreiches Texturspiel.
 
Allerlei Wurzelgemüse / Schwarzwurzel / Kerbelwurzel / Steckrübe
 
Aus den Tagesempfehlungen entscheidet sich mein Mann als Zwischengang für die Lammbratwurst mit Bulgursalat. Die Wurst ist sehr würzig und hat eine wirklich tolle Qualität. Das ist weit weg von Allerweltsware und passt auch gut zu dem mediterran abgeschmeckten Salat und der separat servierten Joghurtsauce.
Ein gutes Beispiel, dass auch vermeintlich Einfaches wie eine Bratwurst, zu begeistern weiß.
 
Lammbratwurst / Bulgursalat / Joghurt
 
Ich mache weiter mit dem Beeftatar auf Rossini-Art. Im Vergleich zum ersten Besuch erscheint mir das Fleisch diesmal gewolft, was mich aber nicht weiter stört. Gänseleber ist in kleinen Stücken gebraten und recht fest, das Gänselebereis ist ok, den Trüffel vermisse ich, die Kartoffelchips sorgen für Crunch. Dafür ist die Briochescheibe unter dem Tatar eine sehr weiche Unterlage. Das ist in Summe alles in Ordnung, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man mit etwas Finetuning aus dieser guten Idee noch mehr rausholen könnte.
 
Beeftatar Rossini / Trüffel / Gänseleber / Brioche
 
Ebenfalls aus der Tagesempfehlung ist die Rotkohlroulade, eigentlich also eine klassische Kohlroulade, aber eben mit Rotkohl. Die Hackfüllung ist gut gewürzt und schlichtweg lecker, die Specksauce dazu ebenso kräftig. Dazu braucht es dann nicht mehr als ordentliche Salzkartoffeln. Erneut zeigt die Küche hier, dass sie bürgerliche Klassiker ausgezeichnet beherrscht und manchmal nur dezent pimpen muss, um sie deutlich über den Durchschnitt zu heben.

Rotkohlroulade / Kartoffeln / Specksauce
 
Ich entscheide mich für Coq au Vin blanc, ein weiterer Dauerbrenner auf der Karte. Auch diesen interpretiert Awakjan auf seine eigene Art. Vom Huhn gibt es nur die Brust, die Haut ist knusprig ausgebacken und wird als Chips für den Crunch dazu gegeben. Wurzelgemüse (Sellerie, Karotte, Staudensellerie) sind akkurat und bissfest gegart. Dazu gibt es schöne Gnoccchi und eine kräftige dunkle Sauce.
Ich würde jetzt zwar bei diesem Teller nicht als erstes auf Coq au Vin kommen, das in der klassischen Form eines meiner liebsten Gerichte ist (die Version von Dieter Biesler in seiner legendären Weinstube in der Sophienstraße habe ich bis heute als meine persönliche   Referenz abgespeichert). Aber auch hier bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
 
Coq au Vin blanc / Wuzelgemüse / Gnocchi à la Parisienne
 
Als Bratapfel 2.0 annonciert kommt das erste Dessert an den Tisch. Als Trompe-l’œil ist eine Schokoladenhülle dem Apfel sehr identisch nachgebildet. Darin befindet sich Glühweinschaum, Kardamomeis und Bratapfelkompott. Das ist handwerklich und optisch wirklich gut umgesetzt und auch geschmacklich sehr gelungen.
 
Bratapfel 2.0 / Glühwein / Kardamomeis / Marzipan
Innenleben
 
Auch mein Dessert liefert mit dem Bircher Müsli eine originelle Neuinterpretation. Granola, gefriergetrocknete Himbeeren, Hafer und eingelegte Rosinen, ein Schaum von Bircher-Müsli und ein Schokoladensorbet sorgen für viel Crunch und einen typischen Geschmack.  Erneut ist die Ausführung ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass man sich nicht von den Beschreibungen blenden lassen sollte. Denn weder Bratapfel noch Bircher Müsli würden mich normalerweise locken. Aber was Robert Awakjan hier abliefert, ist große Klasse.
 
Bircher Müsli mit Hafer / Granola / Schokolade / Haselnuss
 
Den finalen Abschluss bildet bei diesem Besuch eine Eispraline, die ebenso gut gemacht ist.
  
Im Vergleich zum ersten Besuch hat mich dieser Abend durchgehend überzeugt. Die leicht kreativen Gerichte waren insgesamt stimmiger. Seine besonderen Stärken zeigt Robert Awakjan für mich vor allem bei den Klassikern, die mal ganz bürgerlich und mal leicht modernisiert ausfallen können und vor allem bei den Desserts, die durch die Bank ein hohes Maß an Originalität und handwerklichem Können aufweisen.
 
Jan Schubert ist ein Gastgeber der nicht zu den Lauten seiner Zunft gehört, sich aber immer aufmerksam und kompetent um das Wohl seiner Gäste kümmert. Der Service funktioniert reibungslos und durchgehend freundlich.
 
„Schuberts Brasserie“ ist eine schöne Ergänzung in Hannovers Gastro-Szene und schließt gekonnt die Lücke zwischen Fine Dining und bürgerlichem Gasthaus. Damit ist es genau das, was eine Brasserie sein soll. Und das gefällt mir gut.


Bericht und sämtliche Bilder auf meinem Blog: http://tischnotizen.de/schuberts-brasserie-hannover/
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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