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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat L‘Orangerie in 28215 Bremen bewertet.
vor 1 Woche
"Neues Fischrestaurant im umgebauten Bunker"
Verifiziert

Geschrieben am 16.11.2020 | Aktualisiert am 19.11.2020
Besucht am 16.08.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 125 EUR
Auf diese Neueröffnung haben wir sicher zwei Jahre gewartet. Mindestens so lange kündigte der umtriebige und sehr, sehr meinungsstarke Gastronom Stefan Schröder den Umbau seines Weltkriegsbunker in ein Fischrestaurant an. Eine Spezialisierung, die in meiner Heimatstadt beklagenswert selten zu finden ist; erst recht auf einem höheren Qualitäts-Level. Indes die Monate gingen ins Land, bürokratische, bauliche und zuletzt pandemische Hürden waren zu überwinden. Aber im Sommer war es endlich soweit und in den mit kräftigen Malereien aufgepeppten Betonmauern öffnete die Orangerie ihre komplett verglaste Glasfront. Dahinter statt des derzeit so angesagten fancy-bling-bling-lila-Beleuchtung-Lounge-Bar-Resto-Konzepts eine in den Details hochwertig ausgeführte, aber rustikale Lodge.
Passt zum Chef: Kernig, aber mit Niveau.

Die lange, aber schmale L-förmige Terrasse erlaubt an Samstagen einen hervorragenden Ausblick auf Bremens größten Wochenmarkt mit seinem wuselige Treiben. Dazu gibt es auch ein Mittagsangebot und einen kleinen Auszug aus der Karte, bevorzugt Pasta, die mit den wirklich guten Steaks (U.S. Prime von den GOP) das abendliche Angebot von leckeren Meeresbewohnern ergänzt. Oder dieses Schätzchen aus der Dessertkarte:
Waffeln zum Sterben!
Indes hat der schöne Ausblick für den Wirt auch Schattenseiten, denn offenbar verweilt das gemeine Findorffer Pärchen nach dem Marktbesuch gern für ein, zwei Stunden an den Tischen und verzehrt in der Zeit ein Glas Wein, eine Tasse Kaffee oder ein Wasser, alternativ natürlich. Stefan Schröder macht da deutliche Ansagen oder bittet auch schon mal, den Platz freizugeben, wenn nichts mehr bestellt wird. In einem durchaus grenzwertigen Tonfall, das muss man sich nicht unbedingt bieten lassen. Aber bis zu einem gewissen Grad kann ich seinen Ärger schon verstehen, nachdem ich selbst solche Gäste erlebt habe. Na, wir werden ja sehen, wer sich an wen anpasst...

Außerhalb der Marktzeiten verlieren die Außenplätze zumindest optisch ihren Reiz, ein sehr großer, mäßig genutzter Parkplatz mit ein paar Dixi-Klos wird in ein paar Jahren hoffentlich gnädig hinter den frisch gepflanzten Büschen verschwinden.

Bei unserem gemeinsamen Premierenbesuch waren die Außenplätze angesichts der Temperaturen gleichwohl begehrt. Was zu dem wirklich lustigen Anblick führte, dass schon 10 Minuten vor der Abendöffnung hinter jedem Zweiertisch ein Pärchen stand, das mit festem Griff und bösem Blick sein Revier verteidigte. Waren wir auch dabei? Ja. Habe ich bedauert, kein Strandlaken mitgenommen zu haben? Vielleicht.

Aber irgendwann war auch der letzte Platz desinfiziert, mit einem Topf Mini-Chilischoten versehen und die Gäste an die Tische gebeten. Bei einem fruchtig-bitteren Zitrus-Aperitif
Aperitif
(6,5€, das ist ok, auch das Wasser für 5,9€) konnten wir durch die kompakte Speisekarte stöbern, die durch ein offenbar erfolgreiches Eröffnungswochenende zusätzlich ausgedünnt war. Dafür standen auf der Tafel zwei Tagesangebote; ich erinnere mich an Weißen Heilbutt.

Zur Verkürzung der Wartezeit gab es Olivenbrötchen und dazu eine aufgeschlagene Paprika-Chili-Butter mit angenehmer Schärfe. 
Warme Olivenbrötchen

Und als nicht unbedingt erwartetes Amuse eine ebenfalls leicht scharfe Gazpacho mit frisch geröstetem Knoblauchbaguette.
Gazpacho
Schon dieser Auftakt dürfte die Küche (auch in seinen anderen Restaurants) von Autodidakt Schröder ganz gut beschreiben: Alles mit Wumms! Das Produkt steht trotz unbestreitbarer Qualität nicht im Fokus, vielmehr wird recht frei kombiniert und deutlich gewürzt. Das führt häufig zu Salz- und umami-lastigen Geschmacksbildern, die undeutlich, aber zugänglich und natürlich insgesamt „lecker“ sind. Jürgen Dollase wäre natürlich nicht amüsiert...

Als Einstieg entschied sich meine Frau für das allseits bekannte, dünn aufgeschnittene Oktopus-Carpaccio (10,5€), 
Oktopus-Carpaccio
das mit fruchtigem Granatapfel und nicht etwa ordinärem Ruccola, sondern mit Ölrauke (frisch sowie frittiert, aber leider schon wieder etwas abgekühlt) serviert wurde. Auf diesen Unterschied legt der Patron Wert.

Ich nicht, da ich mich unterdessen am ungewöhnlichen Salat von Taggiasca-Oliven gütlich tat. 
Salat von Taggiasca-Oliven
Die kleinen grünen Ligurier kamen in Begleitung von Tomaten, Zwiebeln, der Rauke (also doch) und anderem Blattzeug zitronig, würzig und pikant daher, zudem begleitet von weiterem, jetzt wieder weichem Röstbrot und einer sehr schönen, scharfen Chilimayo. Resultat: Siehe oben. Mit 8,5€ ein Schnäppchen bei einem ansonsten angemessenen PLV.

Die Weinkarte war zumindest kurz nach der Eröffnung noch stark ausbaufähig; das musste sogar der selbstbewusste Wirt widerwillig einräumen, der sich den Abend persönlich und tadellos um uns kümmerte. (Ich komme übrigens mit seiner Art meistens klar, da ich ja durchaus auch austeilen kann. Glaubt man vielleicht gar nicht...)
Wir einigten uns schließlich auf einen einfachen Sauvignon vom Pfälzer Weingut Leonhard, der für erträgliche 19,5€ sein Bestes versuchte. Immerhin unter dem Tisch mustergültig gekühlt. Nachschenken übernahmen wir angesichts der voll besetzten Terrasse selber.
Pfälzer Leichtgewicht

Als Zwischengang setzte ich auf gebratene Calamaretti, die die Küche mit leichten Röstnoten, aber vor allem sehr schön weich hinbekommen hatte.
Yummy!
Mit frischen Kräutern versetzt und geschmacklich deutlich erkennbar, wobei die kleinen Tomatenhälften da noch mehr punkten konnten. Ich mag nämlich auch Cocktailtomaten sehr gerne, wenn sie so „sonnenverwöhnt“ sind! Die schon bekannten Mitspieler ergänzten, hinzu kamen Croûtons frisch aus der Pfanne (plus Brot, wer hat...). Wie immer stark die Mango-Sauce, ein Schröder-Klassiker, der vorsichtig portioniert den possierlichen Kopffüßlern einen erfrischenden Fruchtkick versetzte. (18€)

Bei den abschließenden Hauptgängen Licht und Schatten.

Auf der anderen Tischseite doch ein wenig Enttäuschung, dass sich der Seafood-Risotto (15€) als sehr flüssiger wohl mit Paprika aromatisierter Reis entpuppte
Seafood-„Risotto“
 („Niemals Risotto im Restaurant!“ Wer hat’s gesagt?). Immerhin, geschmacklich kamen keine Klagen und auch die reichliche Mischung aus Muscheln und anderen Mollusken um Längen besser als bei der landläufigen Pizza Frutti di mare. Auch hier diente frittiertes Grünzeug als Topping.

Trotzdem war ich heilfroh, den Cioppino gewählt zu haben, einen Klassiker der italo-amerikanischen Fisch-Küche (22€).
Schon optisch ein kräftigerer Geselle. Im dicken, intensiven, Knoblauch-Tomaten-Weißweinsud schwammen reichlich auf den Punkt gegarte, saftige Fischstücke und ebenfalls verschiedene Meeresfrüchte.
Cioppino
Ich saß vielleicht nicht an den Docks of the bay, aber die westbound Sevenfortyseven hatte mich schon an Bord.

Mit dem Schwerpunkt Fisch und Meeresfrüchte auf diesem Niveau ein gastronomischer Gewinn für die Stadt. Zu Beginn klappte noch nicht alles perfekt. Aber die Richtung stimmt, gern wieder.

Oder ein kurzes knappes Fazit im Stil des Inhabers:
Willste ein Maul voll Geschmack, biste hier richtig.
Der will nur spielen...
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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