Zurück zu Weinstube Zwockelsbrück
GastroGuide-User: Oparazzo
Oparazzo hat Weinstube Zwockelsbrück in 67434 Neustadt an der Weinstraße bewertet.
vor 2 Monaten
"Die Zweieinhalb von der Tankstelle"
Verifiziert

Geschrieben am 17.04.2024 | Aktualisiert am 18.04.2024
Besucht am 10.04.2024 Besuchszeit: Abendessen 3 Personen
Der Borgfelder Kollege, der berufsbedingt weiter rumkommt als ein Staubsaugervertreter und es dabei wie kein anderer versteht, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, hatte kürzlich in der Pfalz zu tun. Und so gerne er alleine isst und trinkt und das Personal kujoniert, so tut er dies noch lieber in Gesellschaft Gleichgesinnter.
 
So kam es, dass ich mich vorige Woche ins Auto schwang und nach Neustadt düste. Dritter im Bunde war Kollege MarcO, der die Gunst der Stunde bzw. seines verkehrsgünstig gelegenen Heims nutzte und unterwegs zustieg. 
 
Reserviert hatte der Lokalmatador, der bei einem weniger exclusiven Bewertungsportal auch unter dem nom de plume „Palatinator“ oder so schreibt, in der Zwockelsbrück, einer kleinen Weinstube mit bewegter und einer Betreiberfamilie mit noch bewegterer Vergangenheit, mit der schönen Konsequenz, dass Südafrika auf der Zwockelsbrücker Weinkarte für Pfälzer Verhältnisse erstaunlich gut vertreten ist. Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich Marcos letzten Zwockelsbrück-Bericht, in dem er ein Gastronomenleben mit all seinen Höhen und Tiefen en detail geschildert hat. 
 
Als wir eintrafen, fanden wir unseren Freund im Gespräch mit der Dame des Hauses. Wie mir erst später klar wurde, kennt man sich nämlich gut. Nach einiger Zeit ließ er von ihr ab und begrüßte uns Neuankömmlinge herzlich, einen davon (mich) zum ersten Mal. Und was soll ich sagen, ich fand den Mann von Angesicht zu Angesicht genauso sympathisch und anregend, wie es seine allen GGlern wohlbekannte Schriftform erhoffen lässt. Da bleibt kein Auge trocken und normalerweise auch keine Kehle. Eigentlich schade, dass die Tektonik es so gefügt hat, das Bremen nicht näher am Schwarzwald liegt, aber immerhin, bei Wörth hat’s ja geklappt.
 
Genug gesülzt. Der Gastraum ist nicht viel größer als ein gehobenes Ess- und Wohnzimmer und auch so eingerichtet.
 
Erst mal gemütlich, später meldet sich dann das Gesäß
Allerdings sitzt man auf dem Holzgestühl etwa so bequem wie in einer katholischen Kirche; die ausgelegten Pölsterchen können das nur teilweise abfedern. Für mich kam erschwerend dazu, dass es infolge einer Kette unglücklicher Umstände um meine Beinmuskulatur und das sich anschließende Sitzfleisch momentan nicht so gut bestellt ist. 
 

Aber jetzt saßen wir erst mal da und freuten uns aneinander. Drängende Fragen bauten sich vor uns auf, zuallererst die nach einem passenden Aperitif. Antwort bzw. Empfehlung der Chefin: Rock Shandy, ein Cocktail aus – na klar! – Südafrika (6,50 €). Zitronenlimo, Angostura und ein Spritzer Zitrone waren ein erfrischender Auftakt zum Abendprogramm. Foto? Leider vergessen.
 
An der Menüfolge dokterten wir etwas länger herum. Angeboten wird eine schöne Auswahl regionaler und saisonaler Must-Eats – es war Bärlauch&Spargel-Saison – mit internationalen Touches. Schließlich einigten wir uns auf eine solide Menüfolge aus Suppe, Zwischengang und Hauptgericht, mit Option auf Süßes hinterher. 
 
Zu trinken gab’s natürlich auch. Während ich mich nach dem Aperitif an stilles Teinacher hielt (bescheidene 5,40 €), machten die beiden Kollegen ausgiebigen Gebrauch von ihrem Status als Beifahrer. Ein südafrikanischer Luddite Saboteur (65 €) – wenn man dem Namen Glauben schenken kann, fußgekeltert und handgefüllt -, ein Pfälzer Chardonnay von Philipp Kuhn (46 €) und zum Schluss ein Pinot Meunier brut von Bernhard Koch (33 €) rannen durch die Kehlen meiner wackeren Kumpanen, natürlich flaschen- und nicht glasweise. Ich lobte die Auswahl auf Basis wönziger Probierschlöckchen, möchte aber die vinophile Einordnung den eigentlichen Konsumenten überlassen. 
 
Zurück zum Essen, dessen erste Runde nicht lange auf sich warten ließ. Während Marco sich an einer bärlauchigen Spargelsuppe vom Tischaufsteller erfreute (6,40 €), hatten Borgi und ich uns für die Kartoffelsuppe entschieden, auf der zwei hübsche Rädchen Blutwurst schwammen (6,50 €).
 
Grumbeersupp mit Ufflaach 
Ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Blutwurstfan, aber diese kam mit ihrer cremigen Konsistenz und dem dezenten Raucharoma dem Blutwurstideal schon sehr nahe. Es versteht sich fast von selbst, dass die würzige Suppe ihrer Einlage ebenbürtig war.

Feines Brot zur Suppe und überhaupt
Bei Gang zwei trennten sich unser aller Wege. Der Herr aus Bremen war extra in die Pfalz gereist, um zu prüfen, ob man sich auch hier mit Vitello Tonnato auskennt (14,90 €). Wenn nicht gescholten tatsächlich gelobt genug ist, dann tut man das wohl; Näheres in ca. 6 Monaten. Der Pfälzer Ureinwohner war mit seiner Wahl (Jakobsmuschel mit Blutwurst, 12,90 €) deutlich vernehmbarer zufrieden.
 
Ich wollte vor dem Hauptgang etwas kürzer treten und begnügte mich mit dem kleinen Salat „Zwockelsbrück“. 
 
Aus deutschen Gärten frisch auf dem Tisch
Üblicherweise signieren Gastwirte nur die Gerichte mit dem Namen des Hauses, die es wirklich verdienen. Dieser Salat war genauso frisch und appetitlich, wie er aussah, und, meine Güte, Saucen kann man hier! Anfänglicher Neid angesichts der Jakobsmuscheln zu meiner Rechten verflog schnell.
 
Mittlerweile hatte der Saboteur fertig sabotiert und der Chardonnay wurde entkorkt bzw. aufgeschraubt. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch, im Gegenteil; angesichts der Hauptgerichte, die nun folgten, gab es aber auch Grund zur Freude. Meine zwei Begleiter hatten wieder zusammengefunden und bestellten sich jeder ein Rumpsteak (25,90 €). Ich bekam ein Stückelsche vom Marco seinem und sach nur: Ssuwiiiid! Verboten zart war‘s, das Rindlein. Und die Sauce dazu: Holländisch, aber annerschter… Die beiden Steakholder werden die passenden Worte zeitfern finden.
 
Schweinerei hoch drei 
Auf meinem Teller ging es ländlicher zu. Wer mich kennt, weiß, dass Schweinkram jeder Art mein Ding ist, und so führte an der sog. Pfälzer „Schweinerei“ (17,90 €) kein Weg vorbei. Kunstvoll gestapelt wie die Bremer A-Capella-Combo machten Sauerkraut den Esel, Saumagen den Hund, Maultasche die Katz, und obenauf krähte wieder die Blutworschd. Sämtliche Fleischpräparationen waren wunderbar gewürzt (Saumagen und Maultasche in der Pfanne vielleicht ein wenig dehydratisiert), das Sauerkraut gründlich durchfermentiert und damit gefahrlos (ich hatte ja noch einen Fahrgast), die Röstkartöffelchen lecker, aber am Ende doch zu viele. Das gibt der Metzger seiner Familie. 
 
Dann wurde noch dreimal die Option auf Süßes gezogen; zaghafter Protest meinerseits war sofort im Keime erstickt worden.
 

Sorbet mit Sekt - für Borgi mit (5 €), für mich ohne Alkohol (4,50 €) - passt halt immer rein, aber weil Marco noch richtig Hunger hatte, bestellte er sich frittierte Apfelringe mit Vanilleeis (4 €). Vor, zu und nach dem Dessert wurde vergnügt dem Pinoh Mönjeh brütt zugesprochen.
 
Am Schluss wurden sicherheitshalber noch einmal sämtliche Flaschen auf den Kopf gestellt – wer die Neige nicht ehrt, ist der Lage nicht wert –, die Reste gerecht verteilt und zum Aufbruch geblasen. Nach angemessener Verabschiedung von der Wirtin
 
Das muss er sein!
und einem vergeblichen Versuch, sich auf dem Weg nach unten am Polarstern zu orientieren, saßen alle schließlich heil im Auto - Borgi wollte seinen Koffer unbedingt durchs nächtliche Neustadt zum Hotel rollen, was aber weder ihm noch den Anwohnern gut bekommen wäre -, dann wurden die fröhlichen Zecher an ihren jeweiligen Schlafplätzen abgegeben und heim ging‘s zu Frau und Hund. Ein Abend zum nie Vergessen!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


kgsbus und 19 andere finden diese Bewertung hilfreich.

marcO74 und 19 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.