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GastroGuide-User: Hanseat1957
hat Herzogliches Bräustüberl in 83684 Tegernsee bewertet.
vor 3 Jahren
"Die Institution am Tegernsee für Heerscharen von Touristen und Ausflüglern – Trotzdem authentisch, sympathisch und solide"
Verifiziert

Geschrieben am 07.08.2017 | Aktualisiert am 10.08.2017
Besucht am 04.08.2017 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 140 EUR
Allgemein:

Das Bräustüberl im Westflügel  des Schlosses ist eine der bekanntesten Großgastronomien Deutschlands. Originell der Diminutiv „Stüberl“, wenn man das „Stüberl“ betritt. In den drei Räumlichkeiten in den Kreuzgewölben finden 500 Trinker ihren Platz. Auf der riesigen Terrasse sollen in etwa ebenso viele Hungrige und Durstige auf den Bänken einrücken können.

Um die Auslastung muss sich der Wirt, der von der Herzoglichen Brauerei Tegernsee rechtlich unabhängig ist, keine Sorgen machen. Wie uns unser Segwayführer sagte, brummt das Bräustüberl 365 Tage im Jahr, und zwar ab 9:00 Uhr!
Ich bilde mir ein, etliche der großen Saufanstalten der Republik in Düsseldorf, Köln und München zu kennen. Das Bräustüberl reihe ich in diese Liga ein und es ist sicherlich einer der umsatzstärksten Gastronomiebetriebe in Deutschland. Der Wirt hat ähnlich wie die Festwirte auf der Wies`n ein ganz großes Los gezogen.
Aber anders als auf dem Oktoberfest hat man im Bräustüberl nicht das Gefühl, dass hier der schnelle Euro mit Unmengen Einmalgästen oder Firmenkunden gemacht werden soll.

Selbstverständlich ist alles professionell organisiert und das Marketing geht hin bis zum eigenen Shop mit Bräustüberl-Devotionalien und einem Newsletter, alles auf der guten Homepage einschließlich Karten nachvollziehbar (http://www.braustuberl.de/). Trotzdem erwartet einen ein Ambiente und eine Atmosphäre, die oberbayerisch zünftig und authentisch ist.

Nun genug der Vorschusslorbeeren.

Über das Publikum braucht man nichts zu sagen, denn es ist ein solider Querschnitt aller derjenigen, die in Oberbayern leben oder die es dort für einen Urlaub, einen Ausflug, eine Tagesreise mit dem Bus oder in großen Rudeln von Radfahrern hinzieht. Eine Gruppe, die im Sommer mittlerweile auch von München an den Tegernsee ausstrahlt, arabische Großfamilien, erlebt man freilich im Bräustüberl nicht, ist es doch aus muselmanischer Sicht ein Sündenpfuhl
mit dem hektoliterweisen Bierkonsum und all dem Schweinernen, das die Küche verlässt.

Die Preise sind aus norddeutscher Sicht beim ersten Besuch zum Augenreiben und wenn man wieder klar sieht,
kommen einem die Freudentränen: Da hau ich mal fünf Sterne für das PLV raus.

Diese Kritik ist eine Art Zwischenfazit nach einer Mittagsbrotzeit und zwei Abendessen im Bräustüberl; auf diese drei Besuche bezieht sich auch die Zeche.

Service:

Im Bräustüberl zapfen Männer und die Frauen schleppen die Bierkrüge, Weißbiergläser und Teller an die Tische. Alle Altersklassen sind vertreten und alle sind festangestellte Stammkräfte. Ihre einheitlichen, wadenlangen Faltenröcke sind mit ihrem wechselnden Ringel- oder Rechteckmuster wahre Scheußlichkeiten. Darüber weiße Schürzen und das Top in weiß, entweder als Bräustüberl–Polo oder Eigenbluse.

Drei Besuche, jeweils im Großen Stüberl angesichts der Außenhitze Platz genommen, drei verschiedene, etwas ältere Kellnerinnen. Alle freundlich, alle mit Sinn für Humor und die Getränke flutschen nach der Order praktisch auf den Tisch. Die Speisen dauern zuweilen, was angesagt wird und darauf hindeutet, dass in der Küche auch frisch zubereitet bzw. auf den Tellern  angerichtet wird, wenn man etwas aus der kalten Schmankerlfraktion wählt. Wer den Laufweg der Kellnerinnen versperrt, der schon die Frequenz eines Ameisenpfads haben kann, wird mit einem bestimmten „Bittschön“ verdrängt. Die Laufwege im Stüberl von der Schänke Richtung Terrasse kann man übrigens anhand der Feuchtspur klar erkennen, denn bei dem Massenzapfen schwappt es ordentlich über die Ränder. Wir haben uns gewundert, dass keine der flotten Damen auf dem feuchten Boden ins Rutschen kam.

Abgerechnet wurde zweimal am Abend auf dem klassischen Kellnerblock mit gutem Gedächtnis und korrekter Addition.

Solide 4 Sterne für die sympathische und souveräne Bedienung.

2,95 € sind aufgerufen für die Halbe Hell, Spezial oder Dunkel Export, der im Gebäudekomplex hinter dem Bräustüberl produzierenden Herzoglichen Brauerei. Deren Tafelwasser 0,5 l ist im Vergleich dazu mit 2,70 € schon prohibitiv bepreist. Wein habe ich auf der Karte nicht entdeckt.

Essen:

Im Bräustüberl gibt es eine umfangreiche Karte mit eindeutigem Schwerpunkt auf kalte und warme Brotzeitschmankerl, wozu allerdings z. B. auch der warme Leberkäse mit der Standardbeilage Kartoffel-Gurkensalat zählt.  Schön, dass man auch saures Lüngerl oder Bauernpresssack neben vielen üblichen Gerichten bekommt. Unter Brotzeit in diesem weiten Sinne kann man 32 Positionen fassen. Dazu sieben verschiedene Würste und 8 Hauptspeisen (Haxe, gebratenen Schweinebauch , Schnitzel Wiener Art und Rahmschwammerl mit Semmelknödel sowie vier Suppen).

Wie in München auch erlebt, wird ein Korb mit reellen Brezeln auf den Tisch gestellt und jede entnommene wird mit 1,20 € abgerechnet. Sie waren jedes Mal außen knusprig und innen weich. Zweierlei Senf, Ketchup und Einmalmühlen mit Salz und Pfeffer runden den Tischstandard ab.

Hier nun die Aufzählung und Bewertung dessen, was wir in den drei Einkehren verzehrt haben:

Bräubazi heißt der Obazda im Bräustüberl und die große Probierkugel kommt auf 2,90 €. Leider nur auf Frischkäsebasis, also ohne Camembert und damit nur 2,5 Sterne.

Ein Paar Weißwürste, klassisch in einer Edelstahlterrine mit Decke und heiß serviert (5,10 €); von meiner Weißwurstspezialistin gelobt und deswegen 4 Sterne.

Radisalat in Form fein geschnittener Scheiben (nicht die spiralförmige Art) und gesalzen. In einem tiefen Teller serviert, in dem sich das Rettichwasser gesammelt hatte (2,70 €). Schlicht aber im Sommer erfrischend;  3 Sterne.

Der Schweizer Wurstsalat (6,80 €) auch gut mit Flüssigkeit versehen, die leicht säuerlich war, wie der Sud von Gewürzgurken. Die Wurstscheiben mit der Maschine sehr dünn geschnitten. Deutlich größer als klassische Regensburger, aber die wird auf der Karte auch nicht versprochen. Die Wurstscheiben in mehreren viellagigen Pulks, dazu Käsestifte, die wenig Eigengeschmack aufwiesen und einige Scheiben von der roten Zwiebel, 3 Sterne.

Der Bauernpresssack sauer (5,10 €) war sorgfältiger angerichtet worden. Scheiben von der Sülzwurst und Rotwurst in einem ähnlichen Sud wie der Wurstsalat mit Gewürzgurkenscheiben und Ringen von der roten Zwiebel, kühl serviert und eine erfrischende Brotzeit um 13:00 Uhr mit über 30 Grad Außentemperatur; 3,75 Sterne.

Ein paar lange Debrecziner (5,00 €), sehr fein und leicht pikant. Nicht so überzeugend wie beim Jugoslawen, aber in der deutschen Würstllandschaft vorzeigbar, 3,5 Sterne.

Nun die vier Gerichte, die wir an den beiden Abenden  als Hauptspeisen ausgewählt hatten.

Sechs Rostbratwürste mit Sauerkraut (7,90 €). Die kleinen Rostbratwürste erinnerten mich  von Form und Farbe an Nürnberger, waren aber etwas flauer gewürzt, als die in Nürnberg genossenen oder dort beim Metzger gekauften. Das Sauerkraut in der für Brauhäuser typischen schlonzigen Zubereitung und gut abgeschmeckt, also nicht zu sauer und auch nicht ins Rahmige gehend. Insgesamt 3,25 Sterne.

Bierwürste mit Kartoffel-Gurkensalat (7,90 €). Bei allen Würsten (ausgenommen Weißwurst) ist in der Karte vermerkt, von welcher Metzgerei sie stammen, immerhin vier verschiedene. Die Bierwürste werden in Bamberg hergestellt und entpuppten sich als eine Mischung aus Krakauer und Debrecziner und hatten gegenüber den Debreczinern die Nase vorn. Sehr gut auch der süddeutsch-schlonzige Kartoffel-Gurkensalat, in dem dünne Salatgurkenscheiben mit Schale eingearbeitet waren. 4 Sterne für dieses Gericht.

Auf den ersten Blick sieht man keinen Schweinsbraten auf der Karte, findet dann aber schnell heraus, dass das Bierbratl quasi das Pendant im Bräustüberl bildet (9,90 €). Zwei Scheiben magerer Schweinebauch mit röscher Kruste und dem schon gelobten Kartoffel-Gurkensalat werden auf einem Teller serviert. Der Schweinebauch sehr gut durchgegart. Er wurde mit der typischen, kaum gebundenen Soße serviert und das leider auf einem Teller mit dem Kartoffel-Gurkensalat, der von der ihn unterminierenden Soße nicht gewinnt. Der Salat sollte separat gereicht werden. Aber ansonsten auch hierfür 4 Sterne.

Und zum Schluss ein Missverständnis: Hausgemachte Bratensülz mit Röstkartoffeln (7,80 €). Meine ständige Begleiterin und ich lasen wohl nur „Sülze“, die von uns gerne genommen wird. Aber hier waren es drei Scheiben eines durchwachsenen Schweinebratens in festem Aspik in einem tiefen Teller serviert. Mit der Scheibe Ei und den Scheiben saurer Gurke und Möhre erinnerte es an Hering in Aspik. Etwas lustlos wurde an einer der drei Scheiben herumgeschnitten. Für sich genommen fand ich das Gericht im Hochsommer erfrischend, zumal das Aspik gut gewürzt und schnittfest war. Die Bratkartoffeln leider kaum angebraten und ohne Speck, der gut zu dem leicht säuerlichen Aspik gepasst hätte. 3,25 Sterne für diese letzte große Speise.

Würste, Presssack, Bierbratl sind meine Favoriten und Empfehlungen. Vielleicht kehren wir ja noch einmal ein und dann stehen Suppen auf dem Prüfstand.

Nachtrag nach einem weiteren Abendessen:

Gulaschsuppe (4,40 €): Ein reeller Suppenteller einer klassischen Gulaschsuppe mit viel Einlage, kleinteilig geschnitten. Darunter Kartoffeln und mageres Rindfleisch. Mit etwas Habaneropulver aus dem eigenen Döschen eine feurige Angelegenheit, gerne 4 Sterne.

Die sechs Schnapswürstl mit Kartoffel-Gurkensalat (7,90 €) entpuppten sich als die schmackhaftesten Würste. Ein rötliches, nicht zu feines, pikant gewürztes Wurstbrät überzeugte; 4 Sterne

Die halbe Schweinshaxe (9,90 €) war eine gut bewältigbare Portio nach der Gulaschsuppe. Die Kruste krachend, wie es sich gehört. Das Fett überwiegend ausgebraten und das Haxenfleisch mit dem mittelscharfen Senf gut essbar. Das Bierbratl würde ich aber vorziehen; 3 Sterne.


Über alles liegen die von uns gewählten Speisen bei 3,5 Sternen, was ich angesichts des Küchenoutputs für eine sehr ordentliche Bewertung halte.

Noch eine abschließende Bemerkung zu den Portionsgrößen: Mit einer Vorspeise wie dem Presssack und einer Brezel dazu und dem Bierbratl danach wird auch ein gestandenes Mannsbild satt, eine Feststellung, die ich nicht für jedes rheinische Brauhaus treffen kann. Und mit gut 16 € bzw. mit zwei Halben dazu und 22 € auf dem Bon, weiß man, was man am Bräustüberl hat!

Ambiente:

Der Eindruck von den Innenräumen wird bestimmt durch die weißen Kreuzgewölbe. Wenige gestalterische Elemente sind die halbhohe dunkle Wandtäfelung, alte Ölgemälde, Wandmalerei und ein Kachelofen. Auf dem Dielenboden stehen helle blanke Tische und man sitzt an den Wandseiten auf Bänken oder auf alpenländischen Stühlen mit Herzlausschnitt und gedrechselten Beinen ohne Armlehnen. Polster würden den insofern etwas kargen Eindruck nur verweichlichen.

Der Raum zwischen den Tischen ist großzügig, an den Tischen kann es eng werden, wenn man sich vorstellt, dass alle acht Stühle um einen runden Tisch besetzt werden, die ihm zugeordnet sind.

Auf der perfekt beschirmten und notfalls beheizten Terrasse (nennt das Bräustüberl „Biergarten“) muss man auf langen Bänken Platz nehmen, was einige Bewegung hervorruft, wenn Mittelsitzer eine Erleichterung angehen müssen.

Sauberkeit:

Die Spur der Schank- und Trinkverluste auf dem Boden habe ich bereits angesprochen und wenn ich Wirt wäre, würde ich den Burschen an der Schänke auf die Finger klopfen, die die gefüllten Gläser mit Schwung Richtung Thekenrand zur Aufnahme durch die Kellnerinnen stoßen! Ansonsten ist es bei aller Zünftigkeit bis in den eigentlichen Feuchtbereich sauber. Unter den Pissoirs ein halber Meter Lochgitter mit Abfluss, falls das Zielwasser Irrwege verursacht.
 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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