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GastroGuide-User: x2x
hat Restaurant Wichelhaus in 42113 Wuppertal bewertet.
vor 1 Woche
"Indien trifft auf Gelsenkirchener Barock"

Geschrieben am 13.10.2021 | Aktualisiert am 14.10.2021
Besucht am 02.10.2021 Besuchszeit: Abendessen 4 Personen
* Am Wuppertaler Stadtrand gibt es den Stadtteil Katernberg. Neben einigen z.T. sehr hochwertigen Villen, ganz viele solide Ein,- Zweifamilien,- und Reihenhäuser. Nur wenige Mieter, dafür jede Menge von Eigentümern bewohnte Eigentumswohnungen. Hier wohnt der solide gut bürgerliche Mittelstand, der auch mal kritisch nachschaut ob Nachbars-Vorgarten hoffentlich ordentlich gepflegt ist. In diesem Stadtteil erzielten in Wuppertal bei der letzten Bundestagwahl 2021 CDU und FDP ihre meisten Wählerstimmen. Tief bräunliche Rechtsnationale Parteianhänger und rot-links orientierte Marx und Engels Anbeter, haben hier keine Chance. Die Kriminalstatistik ist überdurchschnittlich positiv. Ja so etwas gibt es noch, wo doch Dauerpessimisten permanent jammern, dass alles "immer schlimmer wird".

* Im Stadtteil gibt es eine überschaubare Gastronomie, mehrheitlich gut aufgestellt. Betreiberwechsel kommen eher selten vor. Über viele Jahre erfreuten sich die Anwohner im Restaurant Wichelhaus, das genau diese solide deutsch-bürgerliche Küche pflegte. Irgendwann expandierte der Gastronom, schloss das Restaurant und eröffnete einen neuen, deutlich größeres Betrieb in einem anderen Stadtteil. Das "Wichelhaus" stand lange leer. Doch plötzlich vor rund 15 Jahren ein neuer Betreiber. Doch für das konservative bürgerliche Publikum im Umfeld fast ein gastronomischer-kulinarischer Schock. Ein INDR mit einer INDISCHEN Küche ? Die grundsoliden "Vorgarten-CDU-FDP-Bürger" in diesem Stadtteil verstanden die Welt nicht mehr. Doch oh Wunder - der Inder bot nur wenige Gerichte aus dem Land von Tandoori, Kokos-Curry, Kardamom, Ayurverda und Lassi. Ganz im Gegenteil, er kochte deutsch, urdeutsch, bürgerlich deutsch und wurde damit schnell erfolgreich.

* Und nein, Hasimausi konnte mich über Jahre nicht davon überzeugen, irgendein indisches Restaurant zu betreten. Immer noch schmerzte in mir eine schlimme Erfahrung. Unbedingt ein ja zur Küche in Südeuropa. Gerne auch mal beim Türken und besonders gerne beim Araber zum Essen aufschlagen. Der Chinese und die Küche aus Thailand reichen mir alle paar Monate, also nicht so oft. Dagegen ist der Anreiz sehr hoch beim Japaner zu essen. Aber indisch ? Never. Liegt einfach daran, dass ich im Alter von 40 Jahren beruflich mal einige Wochen in Indien arbeiten, essen und trinken musste. Die danach aufkommenden Magen-Darm-Probleme begleiteten mich über Monate. Ja - sicher ein Vorurteil, aber seit dem mache ich einen großen Bogen um jede indische Gastronomie. Unter Umständen unberechtigt.

* Irgendwann hatten mich dann doch Freunde zum Gang ins Deutsch-Indische Wichelhaus überredet. Wobei mich der Hinweis auf die "gute deutsche bürgerliche Küche" auch nicht richtig überzeugte. Klang verdächtig nach Schnitzel, Cordon Bleu, Wirsing, Blumenkohl, Försterpfanne und Senfbraten.

* Also dann hinein ins Wichelhaus. Der erste Eindruck ? Die Zeit schien hier so um 1980 stehen geblieben zu sein. Weißer rauer Putz an den Wänden, Holzbalken mit hölzernen Speichenrädern dazwischen, schwarze Ziergitter aus Gusseisen, Tische und Stühle aus der Epoche des bekannten "Gelsenkirchener Barock". Nennen wir es gewöhnungsbedürftig.

* Freundlich wurden wir von einer hübschen jungen Dame begrüßt, die nicht ganz passend zum Gelsenkirchener Barock im traditionellen indischen Sari daher kam. Unser Tisch war reserviert. Das Restaurant bisher halb gefüllt. Die Karten wurden gereicht.

* Ein erster überschlägiger Blick in die Karte zeigte nur zu geschätzt 20% Essen aus dem Land der 1,4 Milliarden Einwohner auf. Mehrheitlich also Essen "Made in Germany". Nach Sichtung dieser sehr deutschlastig verfassten Karte, war mir klar warum die um Umfeld wohnenden konservativen Bürger, hier wohl gerne aufschlagen. Es gab z.B. Käsespätzle, Rinder-und Schweinemedaillons, ein kölsches Schnitzel mit Speck, Zwiebeln und Gurke gefüllt und natürlich wie erwartet den deutschen Klassiker Cordon Bleu. Ebenso Filetspitzen in Altbiersauce. Vieles mit den höchst indisch-exotischen Beilagen wie Bratkartoffeln und Kroketten versehen. Ebenso als Beilagen Spinat, Röstitaler, Preiselbeeren und die "original indische" Sauce Bearnaise. Nach Sichtung dieser Gerichte fühle ich mich kulinarisch sehr nahe dem Sauer-oder Münsterland, aber Millionen Lichtjahre von Indien entfernt.

* Hasimausi lächelte mir zu und meinte: "Damit kannst Du doch gut leben, als bekennender Gegner von India Food". Ich nickte ihr zwar zu, wobei mir das Essen doch zu überdeutlich auf den klassischen deutschen Gaumen ausgerichtet war. Nur das wollte ich jetzt hier nicht aussprechen und diskutieren.

* Ich tat mich schwer bei der Auswahl der Vorspeise. Es gab diverse Suppen - Suppen sind nicht meine Welt. Und vegetarische Gemüseteller, indische Rolls und Teigtaschen, um Himmels Willen auch nicht. Süffisant, grinsend und betont zynisch wollte mir Hasimausi noch Punjabi-Papadam empfehlen. Was bitte ? Kurzer Blick in die Karte ? Aha, frittierte Linsenfladen ? -  Schließlich lautet meine Wahl:
 
> Feldsalat mit Ziegenkäse

Wobei auch das eher eine Entscheidung aus der Serie: "Was anderes habe ich nicht gefunden" war.

* Als ich dann die Karte mit den Steaks gesichtet hatte, wurde ich ganz schnell sehr entscheidungsfreudig. Fünf argentinische Rumpsteak waren aufgeführt. Darunter natürlich der Klassiker der schon vor 40 Jahren in den Karten der damals guten Restaurants zu finden war. Nämlich das:

> Pariser Pfeffersteak mit der klassischen Bearnaise

Gespannt war ich auf die Order meiner lieben Dame. Deutsch oder indisch ? Wie vermutet als Vorspeise indische Rolls und als Hauptgericht das nicht so ganz für indische Küche typische Lammfilet.

* Zu meiner Befriedigung fand ich auf der Karte bei den Getränken etwas aus der heiligen Domstadt Kölle, nämlich Früh Kölsch. Hasimausi zog einen Merlot vor. Ich konnte mir die provozierende und ironische Bemerkung: "Wie kein Lassi ?" nicht ersparen.

* Unsere Freunde orderten französische Zwiebelsuppe, Feldsalat mit Datteln, Lachs + Zanderfilet.

* Flott und engagiert agierten die adretten jungen Service-Damen am Tisch. Stets präsent und immer schnell beim vorbeigehen eine Blick auf den Tisch. Kurz nach der Bestellung wurde ausreichend frisches Weißbrot serviert, dazu zwei Schälchen mit einer hellen Joghurt-Creme. Nett, geschmacklich angenehm, ohne jede spitze indische Schärfe. 

* Wie üblich schaute ich mich etwas um, während am Tisch eine Woche nach der Bundestagswahl 2021 eifrig über Laschi Laschet, den Scholzomaten und Annalenchen & Co kontrovers diskutiert wurde. Etwas Verblüffung löste ich aus, weil ich mir Prof. Karl Lauterbach als Bundeskanzler wünschte. Dabei schweifte mein Blick durch das Ambiente des "Gelsenkirchener Barock", das an diversen Stellen mit indischen Deko Elementen ergänzt und/oder aufgefrischt wurde. Ich entdeckte Figuren einer Hindugöttin, Krishna Figürchen, Deko-Elefanten und kleine Buddha Skulpturen Das alles vielfach sehr bunt, aber auch in Bronze oder in Gold-Farben. Was passte hier zusammen ? Alles oder nichts ? Egal, wenn es dem Besitzer des Restaurants gefällt und ebenso seinen Gäste - alles völlig okay. Die Welt ist bunt, exotisch und vielfältig. Noch ein Satz zu den Gästen. Mehrheitlich war die Generation Ü 60 vertreten. Offensichtlich viele aus dem direkten Wohnumfeld. Die Stimmung war gut. Die Tabletts der Service-Mädels oft und häufig randvoll mit frischem Krombacher belegt.

* Die Vorspeisen wurden zeitgleich für alle Gäste am Tisch serviert. Vor mir stand ein Teller mit viel (zu viel) Feldsalat, mit viel (zu viel) Ziegenkäse. Das alles mit Honig gratiniert. Erstaunlich gut der Ziegenkäse. Eine leichte Schärfe, genau nach meinem Geschmack. Natürlich war der Salat vom Feld nicht meine kulinarische Erfüllung. Aber abgerundet mit dem Walnuss-Kräuter-Pesto doch geschmacklich ordentlich. Auch Hasimausi zeigte sich mit ihren süß-sauer mit Hähnchen gefüllten indischen Rolls zufrieden. Alles handwerklich ordentlich zubereitet.

* Der Service übersah nichts und war emsig unterwegs. Davon kann so manche weibliche studentische Service- Aushilfskraft (auf Lehramt oder Pädagogik) in dem ein oder anderen Restaurant noch viel lernen. Als dann, die indischen Damen servierten die Hauptgericht. Der Blick auf mein Argentinisches Rumpsteak für gerade mal 25,- Euro lies ein Gewicht von ordentlich 250 Gramm vermuten. Rein mit dem Messer, der erste Schnitt und dann der Blick auf das Fleisch im Innenteil des Steaks. Der indische Koch hat genau das gegart, was ich bestellt hatte "Medium Well", also leicht oberhalb von "Medium". Dazu eine Bearnaise die wohl nicht aus dem Eimer kam oder die Convenience-Produzenten werden immer besser. Dazu die (Achtung Satire) für die indische Küche typischen Beilagen Röstitaler und Mandelbrokkoli. Alles gut ? Nicht ganz. Die Qualität des Fleisch war perfekt, genau so wie die Zubereitung. Gleiches gilt für die Beilagen. Wobei der Brokkoli besser etwas bissfester gewesen wäre. Wenn sich aber auf dem Teller eine Bearnaise mit Pfefferkörner brüderlich vereinen, schlagen und kannibalisieren sich die Aromen gegenseitig. Also liebe Küche, nichts gegen Grünen Pfeffer und auch nichts gegen eine gute klassische Bearnaise, aber bitte auf dem Teller getrennt von einander anrichten. Ansonsten zeigte das Hauptgericht eine Qualität auf, die ich hier so nicht erwartet hätte. 

* Ein kurzer Blick zu Hasimausi die in Sachen Lamm immer sehr kritisch ist. Aber hier und heute zeigte sie sich höchst zufrieden. Sie sprach zwar von einer ordentliche Knoblauch-Dominanz, aber es war trotzdem okay. Und das ihr der Inder zum Lammfilet ihren zu Hause so geliebten Blattspinat servierte, löste dann eine insgesamt kulinarische Zufriedenheit aus.

* Unsere Bekannten waren Wiederholungsgäste und lobten Lachs und Zanderfilet.

* Dessert ? Oh wunder, Hasimausi bestellte noch Tiramisu, obwohl sie doch eigentlich von 365 Tagen im Jahr an 400 Tagen diätet. Ich fand für mich auf der Dessert-Karte nicht passendes, wie fast immer. Dann lieber einen Johnnie Walker. Als ich diesen bestellte frage die junge Dame etwas verblüfft: "Johnnie was" ? Offensichtlich trinkt man hier eher als Digestif Obstler oder den Meister aus dem Hause Jäger.

Fazit: Es kommt immer darauf an, welche Erwartungshaltung man hat, wenn man ein Restaurant erstmalig besucht. Ich hatte für mich im ungünstigsten Fall India Food erwartet. Dem Himmel und den indischen Göttern Shiva und Vishnu sei Dank, gab es genügend Alternativen aus der Deutschen Küche. Wobei ich hier eher mit einer sehr klassischen, etwas überholten Deutschen Küche a la Schnitzel Pommes, Toast Hawaii und Strammer Max gerechnet habe. Das war nicht der Fall. Nein es handelt sich sicherlich hier nicht um die moderne deutsche, trendige und leichte Küche. Aber um eine Küche, die an diesem Standort und im dortigen Wohnumfeld breite Akzeptanz findet. Wie man hört, zumindest am Wochenende immer ausgebucht.

Die Sterne: Der Gesamteindruck verdient 4 Sterne. Gleiches gilt ebenso für die Sauberkeit und für das Essen. Gerne 5 Sterne für den sehr aufmerksamen Service. Tja und jetzt das Ambiente. Wahrscheinlich vergeben die dortigen Stammgäste dafür 4 bis 5 Sterne. Damit tue ich mich schwer. Der Gelsenkirchener Barock gemixt mit indischen Figürchen ist schon etwas gewöhnungsbedürftig.  Dafür lieb gemeinte 3 Sterne. Und das PLV - ordentlich und damit verdient 4,5 Sterne.


ps Zweimal jährlich jeweils Fr. Sa. und So. lädt man am Abend zum "Bollywood Spezial" ein. Großes India Food Buffet, plus Musik, Tanz. 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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