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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Restaurant Marly in 68159 Mannheim bewertet.
vor 2 Monaten
"Nicht alles eitel Sonnenschein"
Verifiziert

Geschrieben am 29.03.2019 | Aktualisiert am 29.03.2019
Besucht am 12.10.2018 Besuchszeit: Mittagessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 62 EUR
außer auf der am Rhein gelegenen Terrasse des Marly. 

Über Lage und Ambiente des Sternerestaurants hat der Mannheimer Dauerkritiker schon alles geschrieben; ich lasse Bilder sprechen.




Ambiente von mir 5 Sterne.

Auf der Heimfahrt aus der Pfalz mit dem so netten Besuch im Geisenheimer Admiral lag die Quadratestadt günstig für einen sehr späten Lunch. Vorsichtshalber fragte ich die Küchenzeit telefonisch ab und erhielt einen zwar zögerlichen, aber positiven Bescheid. Nach einer kurzen Taxifahrt konnte ich in der Bibliothek Platz nehmen, in der noch drei andere Tische besetzt waren. Durch die geöffnete Terrassentür strömten Licht und Luft auf Schönste herein. 



Der größere Saal war schon für eine Feier am Abend eingedeckt und vielleicht war diese zusammen mit meinem späten Besuch der Grund dafür, dass der Service - bis ich mal deutlich reagierte - drängelte. Bei der Vorspeise kaute ich noch, als der Teller schon weggezogen wurde. Bei den drei zeitgleich servierten Amuses hob der junge Mann, der die Gastgeberin Maia Valente unterstützte, jeweils aus, sobald eines der Häppchen verschwunden war. Besonders unangenehm fand ich, dass alle Ansagen und Nachfragen wortwörtlich hinter meinem Rücken begannen, da ich etwas hinter der Tür saß. Wie unhöflich! Auch sonst gab es einige Nachlässigkeiten: Unter dem Essen keine Nachfrage nach der Zufriedenheit, der Wechsel einer Hauptzutat wurde nicht mal beim Servieren erwähnt und auf der Rechnung stand eine Flasche Mineralwasser für 7,5€ statt des zur Weinbegleitung kostenfreien Leitungswassers.
Andererseits verabschiedete sich Inhaber und Küchenchef Gregor Ruppenthal persönlich und erkundigte sich dabei nach der Zufriedenheit. Ich halte in solchen Fällen mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg, so dass wir noch ein ausführliches und ernsthaftes Kritik-Gespräch hatten, das vieles wieder gerade rückte. Unter Berücksichtigung der Umstände insgesamt so eben noch 3 Sterne.

Das Essen begann dagegen sehr vielversprechend mit frischem, vermutlich hausgemachtem Ciabatta begleitet von zwei hübschen Kegeln streichzarter Butter. 

Die gekräuterte Variante war gut, die mit geräuchertem Fenchelsamen ganz stark. So konnte es weitergehen.

Ging es auch. Drei Gaumenschmeichler wurden gereicht: Caponata auf Mürbteig mit einer gemüsig-frischen Säure, eher auf der scharfen Seite dagegen die Sauce zum frittierten Dim Sum mit Garnelenfüllung und auch die Kokosmilchsuppe mit Ingwer und Zitronengras war pikant. 





Abwechslungsreicher, appetitanregender Auftakt.

Ich hatte mich für drei Gänge entschieden: Kalbstatar, Calamar snacké (auf zu Google) und bretonischer Glattbutt sollten es sein. Als Mittagsangebot fielen dafür 42€ an, für die begleitenden Weine (Sauvignon und zwei Chardonnay) standen 20€ auf der Rechnung. Leitungswasser dazu gratis. Nicht das Superschnäppchen, aber mit allem davor und danach schon ein recht gutes PLV.

Das angenehm grob geschnittene Kalbfleisch (Demeter-zertifiziert) konnte mit angenehmer Struktur und aufgrund vorsichtiger Würze auch mit Eigengeschmack punkten. Der Teller eine Augenweide!

Intensiv dagegen das vorzügliche Petersilienpesto, das aber gut portioniert war. Die gelierte Kalbs-Consommé blieb naturgemäß blass. Zum Nachwürzen kamen eine Pfeffermühle und Salzflocken an den Tisch. Letztere allerdings offen, das finde ich nicht so ganz hygienisch. Was spricht eigentlich gegen einen Deckel?
Insgesamt ein harmonischer Auftakt, der vielleicht etwas im Schatten der deutlich kräftigeren Küchengrüße zuvor stand.

Optisch reizvoll ging es auch mit dem kurz angebratenen Tintenfisch weiter.

Die dicken Tranchen und Tentakel waren wundervoll zart und begleitet von einer dickflüssigen, tiefschwarzen Tinten-Sauce. Der Meeresräuber lag auf einem feinem, recht stark gesalzenem Püree, das als Emulsion von Lindakartoffeln angekündigt war. Vermutlich wegen des hohen Fettanteils, der das Ganze süffig, den Teller insgesamt aber auch schwerer machte, als man es sonst von geröstetem Tintenfisch kennt.

Auch das Hauptgericht 

hatte eine gewisse Rustikalität mit der Beilage von kleinen, noch bissfesten  Bohnenkernen zum Fisch, die den wunderbar ironischen Namen Coco de Paimpol tragen. Allerdings gab es hier eine elegante Einbindung durch einen am Gaumen erkennbaren Champagnersud. Zuvor durfte ich erst noch im Selbstversuch herausfinden, dass der angekündigte Butt durch einen Seeteufel ersetzt worden war. Kein Beinbruch, mag ich auch sehr gerne. Zur Serviceleistung hatte ich ja schon oben gejammert. Problematischer, dass das Gericht für meinen Geschmack deutlich zu viel Salz hatte. Das galt schon für den Sud, erst recht aber für den Fisch. Nun sind die Geschmäcker bekanntlich verschieden; der Daueresser lobte die Speisen des Marly ja gerade als „schön gesalzen“. Ich hätte es auch weiter essen können, daher keine Beschwerde. Hätte mir nur nicht geschmeckt, so ging der halbe Teller zurück. Hat die Bedienung zunächst auch nicht interessiert. Sehr schade um den saftigen Fisch 

und die ganz spannende Mittagskreation.

Immerhin kam nach einer kritischen Bemerkung meinerseits etwas Käse (Mimolette, mmmmh...) auf‘s Haus.

Zum abschließenden Café allongé gab es als süße Rausschmeißer eine Schokobutterpraline und einen in Pistaziencrumble gewälzten Marshallmallow.


Fazit: 
Jedenfalls bei diesem Mittagsbesuch standen aufgewertete französische Bistrot-Angbote auf dem  Programm. Das war unkompliziert und echte Wohlfühlküche. Ab und zu war auch das Potential erkennbar, das im Marly bei anderer Gelegenheit - vielleicht des Abends - vermutlich abgerufen wird. Dann hoffentlich mit einem auf den Gast fokussierten Service. Ich bin da guter Dinge und werde gern einen weiteren Besuch wagen. Die Sonne scheint ja bald wieder so schön auf den Rhein und das Marly.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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