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GastroGuide-User: Carsten1972
hat Handwerk | Casual. Fine. Dining in 30173 Hannover bewertet.
vor 2 Monaten
"Schöner Abend in Hannover"

Geschrieben am 24.08.2020 | Aktualisiert am 25.08.2020
Besucht am 22.08.2020 Besuchszeit: Abendessen 4 Personen Rechnungsbetrag: 670 EUR
Hannover, ein paar Mal in Jahr bin ich da. Entweder beruflich, dann muss es ja sein, oder privat, weil ich die Stadt in den paar Jahren, die ich dort studiert und gearbeitet habe, sehr sympathisch fand. Im August 2020 wollten meine Frau und ich mal wieder hin, zum Feuerwerk, mit Übernachtung in unserem Lieblings-Hotel in der List und einem Shopping Nachmittag für die liebste Ehefrau.

Das Feuerwerk wurde durch das Corona Virus verhindert, und es stand die Frage an, gehen wir trotzdem auf den Trip in die niedersächsische Landeshauptstadt? Ja, wir beide hatten Lust auf einen Tag dort und somit stornierten wir zur sicherlichen Freude unseres Hotels den Aufenthalt nicht.

Ein gutes hatte das ausgefallene Feuerwerk dann doch, denn wenn wir das besuchen bleibt keine Zeit zu ausgedehnten abendlichen Restaurantbesuchen vor dem Feuerwerk. Und die Restaurantlandschaft in Hannover ist auch abseits des besternten und damit bekannten Jante nicht zuletzt durch die Berichte unserer Kollegen Tischnotizen und Doc Beermann bestens erschlossen und bewertet.

Insbesondere ein Bericht aus dem letzten Jahr von Kollege Tischnotizen hatte mich besonders fasziniert, und zwar der vom Restaurant Handwerk in Hannovers Süden an der Altenbekener Straße. Und so fand ich das Glück im Unglück des abgesagten Feierwerks und buchte für meine Frau und mich einen Tisch im Handwerk am Samstagabend, den 22. August 2020.

Parallel fragte ich mal bei Ehepaar Tischnotizen an, ob sie interessiert wären uns an dem Abend Gesellschaft zu leisten. Waren sie, und die Reservierung war unkompliziert auf 4 Personen erweitert. Mit Vorfreude auf den Abend begleitete ich meine Frau durch alle kleinen Boutiquen der List und da das Ergebnis eine prall gefüllte Papiertüte war, konnte auch der Nachmittag nicht besser ausgehen. Parallel zum Shoppen noch ein kleiner Imbiss im italienischen Feinkostladen Ecco auf der List, und irgendwann machten wir uns per Tram auf den Weg zum Altenbekener Damm.

In die Linie 1 stiegen wir am Hauptbahnhof um, und wer stieg in diese Tram am Kröpcke ein? Herr und Herr Tischnotizen, nach einigen Sekunden doch erkannt, obwohl vorschriftsmäßig vermummt wie wir beide auch. Großes Hallo und Freude am Wiedersehen. Die beiden kamen quasi direkt von einer kulinarischen Urlaubsreise aus Wien und dem Schwarzwald und hatten natürlich einiges zu berichten.

Steigt man an der U Bahnstation Altenbekener Damm aus, sind es 10 Minuten Fußweg zum Restaurant Handwerk. Dann steht man vor einem unscheinbaren Geschäftshaus, in dem sich das Restaurant angesiedelt hat. Vor dem Gastraum gibt es eine Terrasse und nach einer kurzen „Wespendiskussion“ im Vorfeld des Abends entschieden wir uns trotzdem für den Außenbereich.

Das war ja schon mal eine Einladung, wenn einem der Teppich ausgerollt wird am Tisch. Nach drei Wochen Hitze in Norddeutschland war das Wetter dabei sich umzustellen. Endlich konnte man mal wieder an einem Tisch sitzen, und schwitzte trotz Bewegungslosigkeit nicht. Netter Nebeneffekt, ein kräftiger Wind zum Beginn des Abends blies alle Wespen weg und auch der beruhigte sich dann über den Abend. Bis knapp vor Mitternacht hatten wir einen schönen und sehr stimmungsvollen Aufenthalt auf der Terrasse des Handwerks.

Zu Geschichte und Ambiente des Restaurants verweise ich auf die in dieser Beziehung sehr detaillierten Berichte von Kollege Tischnotizen, ich will mich hier auf die Leistung von Küche und Service konzentrieren. Die Küche führt Thomas Wohlfeld, der an unserem Besuchsabend auch etliche Gerichte persönlich und informativ servierte. Seine Frau Ann-Kristin leitet den Service, aber da Familie Wohlfeld kurz vor einer Erweiterung steht, wurde sie (im Mutterschutz stehend) an diesem Abend durch Kolleginnen vertreten. Ich wünsche dem Ehepaar Wohlfeld, dass der Nachwuchs gesund und propper das Licht der Welt erblickt und die Mutter alles gut übersteht. Ich bin mir sicher, der kleinen Familie stehen dann aufregende und trotzdem freudige Wochen bevor, wenn zwei „Kinder“ (Restaurant und Nachwuchs) zu hüten sind.

Ausnahmsweise, weil ich sowieso schon den Service hier anspreche, die Bewertung des Service vor der Bewertung der Gerichte. Mit Betreten des Restaurants wurden wir aufmerksam und äußerst freundlich und zugewandt durch den Abend begleitet von Küchen- und Serviceteam. Natürlich war der Abend bestimmt durch viel „gesabbel“ mit den Tischgenossen, die wir einige Zeit nicht mehr gesehen hatten. Trotzdem fiel mir kein Schnitzer der Truppe vom Handwerk auf. Ich habe mich durch den ganzen Abend sehr wohl gefühlt. Insbesondere die Servicedame, von der wir einige Wein-Empfehlungen an diesem Abend bekamen, machte ihren Job sehr engagiert. Das geht nicht besser und bekommt volle Punktzahl.

Aber reserviert hatten wir ja, weil mir (und meiner Frau) die Menübeschreibungen von TiNo so außerordentlich gut gefallen hatten. Somit geht es jetzt ohne Umschweife zum Menü, dass uns Thomas Wohlfeld und sein Team am Abend des 22. August 2020 servierten. Die HP und die FB Seite des Restaurants informieren detailliert über Angebot.

Mit dem Platz nehmen wurden wir nach einem Aperitif gefragt. Die drei Tischgenossen entschieden sich für einen Champagner, der nach dem servieren keine Klagen aufkommen ließ. Ist in der Tischrunde noch unser Kollege aus HB anwesend, muss man ja immer Angst haben, dass er einen „Ermüdeten“ bekommt, es scheint sein Schicksal zu sein in Sachen Champagner als Aperitif. Ein Wermut war nicht zu bekommen, und auch kein Pils, dass ich im Sinn hatte. Aber der servierte Monkey 47 mit Thomas Henry Tonic Water war auch ein für mich guter Aperitif.

Inzwischen waren die Karten auf einem Klemmbrett gereicht. Es wird ein Menü angeboten, aus dem sich 5 bis 7 Gänge wählen lassen. Geordert wurden dreimal 7 Gänge, einmal 6 Gänge, ausgerechnet den vegetarischen Blumenkohlgang ließ meine Frau beiseite….ich war irritiert. Aber sie hatte verkündet, an diesem Abend einen Schwerpunkt auf tierisches Eiweiß zu legen. Okay…….jedem sein Plaisier‘chen.

Auch die Küche eröffnete mit den ersten Küchengrüßen ihr Tagwerk. Drei Kleinigkeiten wurden serviert.

Shisoblatt mit Erdbeer-Nuss-Creme

Sandwich mit Kerbelcreme

Pilz-Brühe im „Pinneken“ wurden gereicht. Ich begann mit dem recht unspektakulären Shisoblatt, in dem sich eine Creme befand, die einen sofort an Pindakaas denken ließ. Ich arbeite ja für einen niederländischen Arbeitgeber und werde regelmäßig mit „brootje gezond“ gequält, serviert mit Erdnussbutter. Ganz schlimm! Auch die Bitternoten des Blattes und das Fruchtige in der Creme konnten negative Assoziationen nicht abwenden und deswegen war das nicht mein Küchengruß. Besser dann die Kerbelcreme im Filoteig (nehme ich an), das war eine gute Kombination aus Crunch, Frische und Kräuteraroma. Umami pur, zum Glück zum Schluss gekostet, die lauwarme Pilzbrühe, ich freu mich auf die Pilzsaison im eigenen Familienwald! Ein weiterer Küchengruß wurde von Herrn Wohlfeld serviert.

Gebeizte und marinierte Bachforelle mit Kohlrabi, Kohlrabisud mit Dillöl wurde auf den Tisch gestellt. Und trotz nachträglichen Brainstorming mit Herrn TiNo kann es sein, dass das keine Forelle im eigentlichen Sinne war, sondern eine Lachsforelle oder sogar ein Saibling. Die Farbe spricht eher für Letzteres. Egal, denn dies war der erste Teller, der viel Freude erzeugte. Der Fisch ganz sanft mariniert, bedeckt von aromatisierten Kohlrabischeiben, gefiel mir persönlich der Kohlrabisud, recht sauer abgeschmeckt, mit dem gut kombinierten Dillöl sehr gut! Etwas Crunch noch durch Buchweizen, machte dieser Teller viel Vorfreude auf das eigentliche Menü, und besser kann ein Küchengruß nicht funktionieren.

Vor dem eigentlichen Menü servierte uns der Service noch Brot

Mit einer aufgeschlagenen Butter, aromatisiert mit Olivenstaub.

Nun durfte es aber losgehen mit dem was die Küche angekündigt und wir geordert hatten.

Tomate (Vierländer Platte) / Alge / Dresdner Berle war dann Gang 1 aus dem Menü. Thomas Wohlfeld nannte beim Servieren die Gärtnerei aus der diese Tomatensorte bezogen wird. Eine Scheibe dieser dicken und fleischigen Tomate war recht nature auf den Teller gelegt worden. Spannend wurde es geriebene Dresdner Berle, einen Hartkäse, sowie einem Algengel, das jodige Salzigkeit beisteuerte. Etwas Crunch noch durch eine Art Baiser, an dessen Zutaten ich mich nicht mehr erinnere. Ein passender, aromatisch noch zurückhaltender Einstieg in das Menü. Die Intensität der Gerichte durfte sich gerne noch steigern.

Gelbschwanzmakrele / Yuzu / Wassermelone folgte auf den ersten Gang. Und die Küche ließ meinen Wunsch nicht unerfüllt. War die Gelbschwanzmakrele noch aromatisch sehr sanft in dünnen Scheiben roh serviert, trug Yuzu in einem Gel eine prägnante Säure in das Gericht, dass durch eine gegrillte Wassermelone Tiefe bekam. Grillen ist für mich persönlich die einzig akzeptable Zubereitung einer Wassermelone. Und hier passte das außerordentlich gut! Dieser Gang war die erhoffte Steigerung zu Gang 1. Das durfte so weiter gehen, und weiter ging es mit:

Blumenkohl / Husumer Deichkäse  / Moosbeere, das war der Gang, den meine Frau abbestellt hatte. Aber leidende Blicke zu meiner Rechten veranlassten mich dazu, sie einen Teil des Gerichts kosten zu lassen. Auf einem sehr gelungenen Blumenkohlpüree als Fundament noch ausgebackene Stücke vom Blumenkohl mit Umami durch den geriebenen Käse und wieder einer gut abgestimmten Säure durch die eingelegten Moosbeeren. So muss vegetarische Küche, meine Frau wird im Handwerk nicht wieder den vegetarischen Gang abbestellen, ich bin sicher!

Schweinebacke / Apfel / Sauerkraut war Gang 4 benannt. Es wurde dunkler, und die Bedingungen für angemessene Fotos nicht einfacher. Aber auch wenn man es nicht sofort sieht, dieser Gang war ganz sicher für mich der Beste! Die klassische Kombination von geschmortem fettigem Schweinefleisch mit Obst wurde aufgegriffen, und das glückte außerordentlich gut. Selbstbewusst wurde nur ein Löffel zum Gericht gereicht. Unten im Teller eine durch den Apfel und seine Süße und Säure bestimmte Jus, darüber eine butterzart geschmorte Schweinbacke (Löffel passte), dann das perfekt passende Thema Sauerkraut, interpretiert durch fermentierte Weißkohlscheiben und ein paar Kleckse Apfelgel! Ich hätte gerne Nachschlag gehabt! Super! Der folgende Geflügelgang würde es schwer haben. Aber zuvor noch was Saures zum resetten der Geschmacksnerven.

Riesling Eis am Stiel mit Orangenstaub, ja, sauer genug war es! Dann aber ging es zum Huhn vom sehr angesagten Erzeuger.

Weidehuhn von Odefey & Töchter / Mais / Radicchio verkündete die Karte dazu. Bauer Odefey darf ja zurzeit mit seinen Hühnern und Hähnen auf keiner Fine Dining Karte fehlen. Und das ist gut so, weil die Qualität des Fleisches dieser Tiere so himmelhoch über der konventionellen Ware liegt, dass man danach keines der bedauernswerten Tiere essen möchte, die sonst so im unseren Lande produziert und leider auch nachgefragt werden. Erst mal wurde eine zum Niederknien gute Sauce auf Geflügelbasis angegossen! Der Topf blieb und wurde leer gelöffelt! In der Sauce aalte sich dann ein feines Stück Brust mit einer knusprigen Haut, begleitet von Mais und Radicchio. Sehr, sehr lecker, aber nicht ganz so gut wie der Gang vorher. Wir waren aber noch nicht fertig, denn im Handwerk gibt es einen guten Patissier, und weil es den gibt, hat die Karte zwei süße Abschlüsse.

Heidelbeere / Gurke / Buttermilch war das Erste. Eine Buttermilch-Granite fand sich im Teller, und weil Gurke und ziemlich sicher Dill die süßen Heidelbeeren (perfekte Zeit, die zu verarbeiten) begleiteten, war das eine Kombination aus Gazpacho-Aroma und Beeren, und sehr lecker! Ich bin ja Liebhaber von Desserts, die nicht nur Süß sind. Beim Blick in die Zutaten des finalen Gangs erhoffte ich mir auch außergewöhnliche Aromen.

Birne / Rotkohl / Toffee, Birne und Rotkohl, dass machte neugierig. Die rote Jus war aromatisch ganz Rotkohl, und auf der Jus kleine Kugeln Eis aus Birne und Toffee. Perfekter Menüabschluss, wieder nicht zu süß!  Mit ein paar petit fours verabschiedete sich die Küche von uns. Mea culpa ich weiß nicht mehr, was es war.

War aber noch mal ein Beweis der Talente des Patissiers. Herr Wohlfeld, den müssen sie unbedingt halten bei sich im Team! 

Wein getrunken haben wir auch, zurückhaltende 4 Flaschen wurden über den Abend geleert.

Es ging vom Burgund, einen BioDyn Chardonnay, der TiNo etwas leiden lies, zu einem Barrique Weißburgunder aus der Pfalz, den TiNo als Ausgleich benötigte, zu einem im Holz ausgebauten Spanier hin zu einem restsüßen Kabinett Riesling (mehr als 10 Jahre alt) von der Mosel, der aber noch gut Säure gegen die Süße setzen konnte. Im Rahmen des Möglichen in einer vinophilen Viererrunde ist das eine gute Weinreise gewesen.

Kann ich also zum Fazit kommen unseres Abends im Restaurant Handwerk in Hannover.
Gault Millau – 14/20 Punkte
Der Gusto 7/10 Pfannen
Der Feinschmecker 2/5 F
Aral Schlemmer Atlas 3/5 Bestecken
Bisher waren die professionellen Kollegen noch nicht in totaler Euphorie beim Bewerten der Leistung von Thomas Wohlfeld. Aber ich habe mir im Laufe der Jahre abgewöhnt, nur nach solchen Bewertungen zu schielen! Ich bin mir sicher, macht Her Wohlfeld so weiter, wird es höhere Ehren geben als die jetzt hier genannten. Meine Ehrerbietung gibt es in Form dieser Rezi und den Punkten, die ich für den Abend im Handwerk vergebe. Ich komme wieder!
Ein wunderbarer Abend im Restaurant
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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Shaneymac und 24 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.