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GastroGuide-User: tischnotizen
hat Intense in 67169 Kallstadt bewertet.
vor 1 Woche
"Die Pfalz neu gedacht"

Geschrieben am 14.01.2020 | Aktualisiert am 14.01.2020
Besucht am 05.11.2019 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen
Der Einfluss der asiatischen Küche ist aus heutigen Restaurants nicht mehr wegzudenken. Kein Koch, der nicht Dashi, Miso oder Yuzu in seinen Gerichten unterbrächte. Das war nicht immer so. Noch vor 20 Jahren kannte man bestenfalls Sojasauce, Chop Suey, Ente süß-sauer oder Nummer 87.
Dabei gab es auch seinerzeit Pioniere, die um den Aromenreichtum asiatischer Zutaten wussten und daraus einen Euro-asiatischen Stil kreierten wie Albert Bouley im Ravensburger „Waldhorn“, vielleicht der Erste, der das Potential auch für die Fine Dining-Küche erkannte.
Oder Adalbert Schmitt, visionärer Patron der legendären „Schweizer Stuben“ in Wertheim, in denen Dieter und Jörg Müller berühmt wurden. Schmitt war in diesem Schlaraffenland am Main nebenbei auch gelungen, mit der „Taverna La Vigna“ das zu der Zeit vermutlich beste italienische Restaurant des Landes zu etablieren. Nachdem im Gourmetrestaurant Fritz Schilling höchste Weihen mit seiner provenzalisch gefärbten Haute Cuisine erreichte und Richtung München wechselte, holte Schmitt Tilman Hahn als Nachfolger. Der kam aus Hongkong, hatte dort lange Jahre gekocht, war aber in Deutschland weitestgehend unbekannt. Schmitt war das egal, denn er ahnte, dass die asiatische Küche die Zukunft sein würde.
Er mag seiner Zeit voraus gewesen sein. Das Publikum goutierte diesen Richtungswechsel nicht ausreichend und nachdem die „Schweizer Stuben“ ohnehin in finanzielle Schieflage gerieten und insolvent gingen, war auch dieses Kapitel erledigt. Deutschland war scheinbar noch nicht weit genug. Tempi passati.
 
Heute allerdings sind einige der spannendsten Restaurants ohne japanische oder generell asiatische Akzente kaum vorstellbar. Nicht nur wegen des breiten Aromenspektrums, sondern auch wegen des gänzlich anders ausgeprägten Produktverständnisses. Zu den hervorragendsten Vertretern dieser Küchenrichtung gehören ohne Frage Christian Bau, Tim Raue oder Tohru Nakamura. Aber eben auch Benjamin Peifer – und damit hat diese ungewöhnlich lange Einleitung, für die ich mich an dieser Stelle entschuldigen möchte, endlich ihr Ziel erreicht.
 
Allerdings geht Benjamin Peifer, der seit gut 2 ½ Jahren in der Pfälzer Provinz sein „Intense“ betreibt, einen etwas anderen Weg. Zutaten und Zubereitungsmethoden, vor allem aus der japanischen Küche, finden sich auch bei ihm, aber er kombiniert sie mit Zutaten und Gerichten aus seiner Pfälzer Heimat, was etwas sehr Eigenes entstehen lässt. Und das hat für reichlich Furore und Auszeichnungen seit seiner Eröffnung gesorgt. Nach gut zwei Jahren ist es auch für uns endlich Zeit, uns von der Entwicklung einen Eindruck zu machen.
  
Viel geändert hat sich seit unserem letzten Besuch nicht. Auch weiterhin gibt es nur ein fest gesetztes Menü, das inklusive Wasser 150 Euro kostet. Auf Allergien kann man in gewissem Umfang Rücksicht nehmen. Ansonsten gilt auch weiterhin: „S’wird gesse, was uff de Disch kummt.“
 
Und wie bisher startet man mit einigen Grüßen, die mittlerweile auch bereits den Status von Signature Dishes haben, weil sie auf gekonnte Art, klassische Pfälzer Gerichte einmal auseinander nehmen, um sie dann ganz neu und anders wieder zusammen zu setzen. Wie zum Beispiel den „Gequellde mit weißem Kees“, ein Arme-Leute-Gericht auf Basis von Kartoffeln, Quark und Kräutern. Oder den für die Gegend unverzichtbaren Zwiebelkuchen, wobei hier auch der Boden, das Tartelette, aus getrocknetem Zwiebelpüree zubereitet ist und  ansonsten ein sehr luftiger Schaum aus weißen Zwiebeln den typischen, von Kümmelbrot flankierten süffigen Geschmack liefert.
 
Gequellde mit weißem Kees
Zwiwwelkuche un alde Woi 
 
Deutlich näher am Original hingegen die Dampfnudel mit einer tollen Weinschaumsauce. Das Originalrezept von Benjamin Peifers Oma für die Dampfnudel wird gleich mitgeliefert – mit der dringenden Empfehlung, dann aber die Margarine durch Butter zu ersetzen. Jetzt brauchen wir nur noch das Rezept für die Weinschaumsauce…
 
Dampfnudel mit Woisoß
 
Auch der Leberknödel mit Sauerkraut, Bestandteil jeder deftigen Pfälzer Schlachteplatte, kommt hier elegant und federleicht als Macaron aus Sauerkrautsaft mit Blutwurstchip und einer Terrine von Entenleber. Gebeizter Apfel und gelierte Zwiebeljus mit Senfsaat runden den aufwändigen Snack ab und vermitteln auch so den typischen Geschmack.
 
Lewwerknödel und Sauerkraut
 
Mit der Interpretation von Fleischklößen in Meerrettichsauce geht die muntere Neuinszenierung von Klassikern weiter. Unter einem Carpaccio von der Färse findet sich ein Allerlei von Tatar, Rote Bete, gegrilltem Ochsenschwanz  als Sülze, das Ganze in einer Ochsenschwanz-Dashi, die mit Wasabi-Öl zusätzliche Tiefe bekommt. Anstelle von Anchovis, wie in einem alten Rezept entdeckt, verwendet Peifer Imperial-Kaviar. Der fügt sich aber nicht plakativ, sondern sehr harmonisch ein. Insgesamt ein sehr runder und köstlicher Gang.
 
Fleeschknepp mit Meerrettichsoß
 
Als nächstes wird am Tisch ein Aufguss von gerösteten Kartoffelschalen zubereitet, die alleine zwar noch nicht den nötigen, intensiven Geschmack bringen würden. Aber gemeinsam mit einer aus eigenem Speck gezogenen Dashi und später noch mit Schnittlauchbutter abgerundet, entsteht daraus eine klare Kartoffelsuppe, die unfassbar intensiv ist und köstlich ist. Für mich eine echte Überraschung und ein Highlight des Abends – so gut, dass ich es in meine persönliche Liste der besten Gerichte des vergangenen Jahres aufnehme.
 
Aufguss
Pälzer Grumbeersupp 
 
Passend zur Jahreszeit folgt eine Creme von Pfälzer Kastanien. Mit Haselnüssen, Sellerie, gerösteten Maronen, pochiertem Wachtelei, Champignons und einem luftigem Schaum aus brauner Butter gesellen sich lauter passende harmonische Zutaten, die alleine schon für ein lupenreines Soulfood-Gericht genügt hätten. Benjamin Peifer gönnt uns mit reichlich darüber gehobeltem Alba-Trüffel ein großzügiges Upgrade, das die Schale endgültig in den Rang höchstmöglichen Genusses hebt.
 
Pälzer Keschdegemies
 
Im „Intense“ verfügt man über einen Reifeschrank, in den jedoch nicht nur Fleischstücke kommen. Auch Forellen werden über einige Tage im Dry Ager gereift, bevor sie weiter verarbeitet werden. Das Ergebnis wird auf Binchotan-Holzkohle gegrillt und mit einer Forellen-Dashi-Beurre Blanc, die eine schöne Säure aufweist, sowie Forellenkaviar und Chips zu einer runden Sache.
 
Dry Aged Forelle „japanische Müllerin Art“
 
Als Erfrischung vor dem Hauptgang gibt es grundsätzlich etwas, in dem der hauseigene Gin verarbeitet ist. Dieses Mal ist es ein „Gintense Fizz“ mit einem Granité aus Koriander und Zitrus. Das changiert zwischen etwas süß und gleichzeitig herb-kräutrig. Schön.
 
„Gintense Fizz“
 
Aus dem Dry Ager kommt auch die Taube vom Elsässer Spezialisten Theo Kieffer, die Benjamin Peifer erstaunlich klassisch in Szene setzt. Das Fleisch butterzart, Rotkohl mit eingelegten Holunderbeeren abgeschmeckt, Selleriepüree und eine gebundene Tauben-Consommée – das alleine schon wunderbar. Am Tisch wird dann noch eine mit Süßwein aufgeschlagene Hollandaise serviert, die nicht mit Butter gebunden ist, sondern mit – „weil wir es können“ – Entenleber, wie es die Köchin selbstbewusst verkündet. Und Recht hat sie – die ist einfach nur saulecker. Und das I-Tüpfelchen auf einem Top-Tauben-Gang!
 
Dry Aged Taube von Theo Kieffer über Binchotan gegrillt
Hollandaise 
 
Schlicht „Ein Stück Käse“ betitelt ist der folgende Gang, in dem Gruyère als Schaum im Dim Sum-Teig frittiert wurde, darüber auch pur gehobelt. Selbsgemachter Feigensenf, Feigenconfit, Staudensellerie runden das ab und führen zu einem komplexen, aber dennoch unkomplizierten Geschmacksbild.
 
„Ein Stück Käse“
 
Für das Dessert befindet sich eine Komponente bereits bei unserer Ankunft am Tisch. In einer kleinen Guglhupf-Form darf ein Briocheteig schon mal vor sich hingehen. Während des Backens wird er permanent mit einer Mischung aus Sahne, Milch, Vanille und Apfelbrand getränkt, was ihm eine üppige Saftigkeit gibt. Separat dazu ein vorab vakuumierter Braeburn-Apfel, der anschließend gegrillt und glasiert wird und anschließend mit einer Creme gefüllt wird. Das Eis dazu ist aus Apfelcidre zubereitet und nach meinem Eindruck nicht sonderlich prägnant, was Benjamin Peifer sichtlich enttäuscht. Dafür passt der oxidativ ausgebaute Apfelcidre als Begleitung ausgezeichnet dazu. Und in Kombination, die Peifer als von Heston Blumenthals „Tipsy Cake“ inspiriert versteht, passt es auch.
 
Braeburnapfel über Zimtrinde gegrillt 
 
Zum Abschluss wird es noch mal deutlich frischer und das macht sich auch bereits in der eindrucksvollen Präsentation diverser Zitrusfrüchte deutlich. Im ausgezeichneten Sorbet sind Mandarine, Yuzu, Pomelo, Sudachi und Bergamotte verarbeitet. Gut macht sich auch das Baiser mit Sansho-Pfeffer. Recht süß ist das Karotten-Tatar, das auch in der Aromatik für mich nicht recht zum Rest passt. Aber ansonsten ist dies ein leichtes und erfrischendes Dessert.
 
Zitrussorbet und Sansho-Baiser
 
Mit einigen Petits Fours, die mit Haselnüssen und Gewürzen bereits auf die kommende Weihnachtszeit einstimmen, geht ein abwechslungsreiches Menü endgültig zu Ende. Wenn man mal vom kleinen Brot und der braunen Butter absieht, die jeder Gast für das kommende Frühstück als Mitbringsel erhält.

Petits Fours
 
Unser zweiter Besuch im „Intense“ war längst überfällig. Denn dieses Menü hat außergewöhnlich viel Spaß gemacht. Benjamin Peifer hat seinen Stil konsequent weiter entwickelt und mit der Neuinterpretation von Pfälzer Klassikern und der Einbeziehung von japanischen Zutaten etwas sehr Eigenständiges geschaffen. Das ist so regional verbunden wie gleichzeitig weltoffen.
 
Anders als bei unserem ersten Besuch noch relativ kurz nach der Eröffnung kam uns dieses Mal auch alles etwas entspannter vor. Die Musik war noch deutlich präsent, aber nicht mehr in Disco-Lautstärke und irgendwie wirkte alles noch flüssiger. Bettina Thiel, Peifers Partnerin, war an diesem Abend nicht im Restaurant. Dafür war der Chef selbst stärker im Service präsent. Und auch nach dem Weggang von Max Goldberg, der von Beginn an Peifers Seite in der Küche stand, macht die Küchencrew, mittlerweile verstärkt mit Köchen aus dem „Sonnora“ einen sehr eingespielten und souveränen Eindruck.
 
In jedem Fall war dies eine starke Performance. Eine ganz starke Performance.
 

Bericht und mehr Bilder auch auf meinem Blog: http://tischnotizen.de/intense-kallstadt-2/
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
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