Zurück zu Landhaus Ewich
GastroGuide-User: x2x
hat Landhaus Ewich in 42111 Wuppertal bewertet.
vor 3 Jahren
"Ganz viel oder zu viel Rustikalität ?"
Verifiziert

Geschrieben am 09.11.2016 | Aktualisiert am 09.11.2016
Besucht am 04.11.2016 Besuchszeit: Abendessen 5 Personen
* Mal wieder wurde ein Herrenabend eingeläutet. Ich machte hinsichtlich der Location einige Vorschläge, stieß aber auf Widerstand. Die Meinung tendierte klar in die Richtung, "nix feines". Da ich aus der Vergangenheit Abende kannte die "fein" begonnen haben aber rustikal endeten, fügte ich mich der Mehrheit. Schnell hatte man sich auf das rustikale Landhaus Ewich am ländlichen Ortsrand von Wuppertal verständigt. Es liegt oben im Stadtteil Dönberg, nur ein Viertelstündchen von der Stadt entfernt, aber umgeben von Wiesen mit Kühen und (Martins) Gänsen, die gerade noch ihre letzten Tage erleben dürfen. Bekanntlich wird ja zu Sankt Martin nicht nur der Mantel des heiligen Bischof Martin geteilt, sondern werden auch tausendfach Gänse zerlegt. Hier im Merkel-Land, aber noch viel mehr in Polen.

* Nun denn, wir erreichten das rustikale Landhaus an einem Freitag-Abend. Das Haus war zu gut 30% gefüllt, wir hatten reserviert. Die Service-Maid (in keinster weise rustikal) begrüsste uns mit einem erfrischenden "Hallo" und führte uns an einen Tisch. Für 5 Personen gerade richtig - nett. Einige von uns kannten das Haus von vielfachen Besuchen, denn schließlich existiert diese Gastronomie hier seit vielen Jahrzehnten, mit der aktuellen Wirtin seit rund 12 Jahren. Neulinge die hier aufschlagen sind fallweise über das Ambiente etwas erstaunt. Rustikale Dekoration "ohne Ende". Man hat den Eindruck, dass hier irgendwann ein Antiquitäten-Händler den rustikalen Auftrag erhalten hat, mal ganz viel verkaufen zu dürfen. Für manche ist das Nostalgie, für andere "Nippes", das ein oder andere Teil sogar Kunst oder ganz einfach die Gemütlichkeit der Deutschen, gerne auch als rustikal bezeichnet. - Egal wie, wir waren nicht hier um darüber zu philosophieren ob wir hier gerade in einem Bergischen Heimatmuseum sitzen oder in einem Restaurant, dass uns hoffentlich mit Speis + Trank verwöhnen wird.

* Die erfrischende Service-Maid brachte die Karten und fragte direkt nach Getränken. Es wurde mehrheitlich (Warsteiner) Bier geordert, aber auch das dunkle Old Woodhouse Bier. Nur ein Kollege aus der Runde trank Wein, dazu später mehr. - Ein Blick in die Karte und schon die nächste Überraschung für Gäste, die erstmalig hier aufschlagen. Die Karte ist teilweise in "Bergischen Platt (Dialekt)" verfasst, allerdings mit hochdeutschen Untertiteln. Auf Kostproben oder Auszüge dieser rustikalen, volksnahen und bergischen Ausdrucksform soll hier verzichtet werden, denn diesen Dialekt versteht man schon im nahen Düsseldorf kaum noch. Zudem hat der geschätzte GG-Kollege "First" ja bereits hier in seiner Bewertung die ein oder andere Kostprobe verfasst. - Die Speisekarte kann man wie folgt zusammenfassen: Derbe Küche aus dem Bergischen Land wie z.B. gebratene Blutwurst, Heringsstip oder Pfannkuchen. Aber auch die ganze Parade der Rump-und Filetsteaks. Dazu Schnitzel aus Mailand, Holstein und Austria. Fangruppen aus dem Lager der Veggies werden hier nicht viel passendes finden. Selbst in der Mehrzahl der offerierten Salate findet man Speck oder Filetstreifen. Wenn dann noch Veganer im Salat Büffelmozzarella finden, bleibt nur noch der Weg auf die Wiese. Und die findet man direkt neben dem Haus. - Als "Special" wurden noch verschiedene Gänsegerichte und ein Wildgulasch angeboten. Was etwas dünn und dazu sehr rustikal ausfällt, sind die Vorspeisen. Neben einigen Süppchen, nur Schwarzbrot mit Mettwurst, Roastbeef mit Bratkartoffeln oder auch Pellkartoffeln mit Quark. Gerade die Damenwelt erreicht bei solchen (mächtigen) Vorspeisen schnell schon vor dem Verzehr der Hauptgerichte einen Sättigungsgrad von über 60%. 

* Als Vorspeise wählte ich von der Sonderkarte (Sankt Martin) das Carpaccio von der geräucherten Gänsebrust zu 8,50 Euro, dann das 250 gr. Filetsteak mit dem Klassiker aller Saucen, der Sauce Bernaise zu 30,50 Euro. Die anderen Herren am Tisch wählten z.B. Gänsebrust mit Maronen, das Rumpsteak Marokko etc. Aus genannten Gründen tat man sich mit den Vorspeisen schwer, einige mutige entschieden sich dann für die "Kottenbutter". Auch dazu später mehr. - Inzwischen hatte uns unsere Service Maid bereits aufmerksam und sehr flott mit Getränken versorgt und einen Gruß aus der Küche serviert. Dunkles Brot und eine Butter, deren Bestandteile nicht ganz deutlich wurden. Irgendwas mit Paprika und anderen Bestandteilen aus dem Garten. Soweit okay, aber ohne "Explosion". Dazu gut gezapfte Biere. Nur unser Weinkenner am Tisch meinte, dass die Weinauswahl sehr überschaubar sei und gewisse Ansprüche nicht erfüllen kann, zumal die Karte nicht zweifelsfrei auszeichnet, welcher Wein angeboten wird. Nun gut, dieses Problem musste er für sich lösen. Bei dem von uns konsumierten Warsteiner war die Herkunft zweifelsfrei. - Inzwischen waren weitere Gäste erschienen, aber voll war es nicht. Vielleicht lag es am Freitag.

* Die Vorspeisen wurden serviert. Ein kurzer Blick auf die Teller zeigte auf, übersichtliche Portionen werden hier nicht serviert. Zwar keine übervollen Teller, aber "ordentliche Portionen". Die von den Kollegen verzehrte "Kottenbutter" (Mettwurst auf Schwarzbrot) hätte auch einem hungrigen Pferdekutscher gereicht - als kleines Hauptgericht. Viel zu viel allerdings die Anzahl der Zwiebelringe, die zwischen dem schwarzen Brot und den dicken Mettwurstscheiben lagen. Einer der Herren drückte es so aus: "Möchtest Du mal probieren, wie Zwiebelringe den Geschmack einer Mettwurst zerstören". - Das von mir bestellte Carpaccio von der geräucherten Gänsebrust war da schon etwas weniger rustikal. Sehr dünn geschnitten, wie es wohl kaum dünner geht. Abgerundet mit einem vorzüglichen Walnußdressing - Klasse. Offen gesagt, das hätte ich dieser rustikalen Küche nicht zugetraut. Nur der mit "Grünzeug" zugestreute Tellerrand war überflüssig. Warum müssen sich - nicht nur hier - in vielen Restaurants einige Köche mit Dekos auf dem Tellerrand beschäftigen oder irgendwelchen Balsamico Malereien veranstalten ?

* Wir unterhielten uns angeregt und bekamen nur am Rande mit, das an den Nachbartischen intensiv serviert wurde. Unsere Gesprächsthemen waren vielfältig, im Mittelpunkt auch die Debatte "Hillary Clinton vs Donald Trump". Ich war da noch der festen Meinung, dass dieser politische Horror-Clown mit seinen gelben Haaren und der toten Katze auf dem Kopf, natürlich als US-Präsident nicht gewählt wird. Aber während ich diese Zeilen heute am 09.11.2016 schreibe, werde ich ständig darauf aufmerksam gemacht, dass ich mir eine Fehleinschätzung aller erste Güte geleistet habe. Aus dem heutigen 11/9 wird hoffentlich kein 9/11.

* Zurück zur Kulinarik, denn bereits der Gedanke an Trump löst bei mit Appetitlosigkeit aus. - Man servierte mir ein Filetsteak so wie bestellt - medium. Dazu einen Salat, Bratkartoffeln und (über) reichlich Sauce Bernaise. Das Fleisch war von guter Qualität, der gewünschte Garpunkt getroffen. Die Bratkartoffeln kross, rustikal, lecker. Und die Bernaise ? Dem Himmel sei Dank, nicht über das Fleisch ausgeschüttet und auch kein Tütenprodukt, sondern offensichtlich frisch aufgeschlagen. Unter der Berücksichtigung meines Body-Mass-Index (25), wäre für mich die Hälfte der Sauce absolut ausreichend gewesen. Also zufrieden ? Ja, fast. Der Salat war nicht gerade der Hit. Inhaltlich und bezogen auf das Dressing eher langweilig. Als bekennender Salat-Ignorant, konnte ich damit gut leben. Die anderen Herren am Tisch lobten das ihnen servierte Essen durchgängig. Egal ob Gans oder Steaks, man war zufrieden. Hier hatte niemand eine gehobene Küche mit Raffinessen aus Italien oder Frankreich erwartet und auch keine kulinarischen Kreationen, sondern eher gute deutsche Hausmannskost. Aber genau diese wurde klar übertroffen. Hier wird der Versuch unternommen, die "Quadratur des Kreises" zu lösen. Einerseits robuste und rustikale einheimische Gerichte, aber auch Steaks, die etwas höhere Erwartungen erfüllen. Trotzdem geht man nicht soweit, gehobene Kulinarik zu versprechen. Man bleibt auf dem Boden, auch wenn auf der Karte im Einlauftext einmal etwas überzogen von einer "Internationalen Küche" gesprochen wird. Warum streben diverse Gastronomen immer wieder an, internationale Ansprüche erfüllen zu müssen. Bietet unsere Kulinarik in Deutschland nicht viele kreative Gerichte ? Das Landhaus Ewig tritt doch selber diesen Beweis an. Es muss nicht immer "International" sein. - Einige von uns verzehrten zum Dessert noch Zimt-Brownies mit einer Spekulatius Creme und Pfannküchlein mit Äpfeln oder Eis. Andere übersprangen diese Kalorien-Verstärker, um die "Abteilung Digestif" zu aktivieren. Dazu eine Anregung, ausdrücklich keine Kritik. Das Digestif-Angebot ist vielfältig und natürlich international. Wenn man aber bei den Gerichten ausdrücklich eine regionale Küche präferiert - bitteschön, dann sollte auf der Karte auch die ein oder andere regionale Spirituose aus dem Umfeld angeboten werden.

Fazit: Wenn in der Bewertung der Service nicht ausdrücklich lobend erwähnt wurde, er agierte flott, aufmerksam und freundlich. Gerne dafür 4 Sterne. Gleiches gilt für das Essen - 4 Sterne. Mir persönlich ist das Ambiente etwas zu rustikal, etwas zu viel im Stil eines dörflichen Heimatmuseums oder auch einer Bauernstube. Daher dafür 3,5 Sterne, obwohl das in unserer Herrenrunde einige "Bergische Jungs" völlig anders sehen. "Hier isset rischtisch jemütlich", so der gehörte O-Ton einiger Warsteiner, Old Woodhouse Bier und Himbeergeist-Inhalierer.

Das Haus wirbt mit dem Claim - Willkommen bei uns - . Wir fühlten uns Willkommen. Und in einigen Monaten wieder im netten Biergarten. Mal schauen was bis dahin der Horror-Clown in den USA veranstaltet hat.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


kgsbus und 24 andere finden diese Bewertung hilfreich.

Lavandula und 24 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.