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GastroGuide-User: DaueresserGK0712
hat Das Esszimmer in 67433 Neustadt an der Weinstraße bewertet.
vor 2 Jahren
"Ein Fest für Carnivoren Kulinariker – jedoch gibt`s Abzüge in der B- u. K Note oder Küchenchef Manthey lässt sich seine Arbeit gut und teuer bezahlen"

Geschrieben am 06.10.2018 | Aktualisiert am 21.07.2019
Besucht am 03.10.2018 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 140 EUR
Es gab nicht nur ein Jubiläum, nein, auch das Esszimmer feierte am „Tag der deutschen Einheit“ ihr einjähriges Bestehen in Neustadt Weinstraße. Ein Tag zuvor feierten meine Frau und ich unser zehnjähriges Bestehen, wir hatten schon zwei Wochen vorher einen Tisch für das Neustädter Esszimmer reservieren lassen, welches hier von meinem geschätzten Kollegen und guten Bekannten Marc074 eingetragen wurde.

Heute parken wir unseren Flitzer auf dem großen Parkplatz in der City ab und laufen vorbei am ehemaligen Hertie, der für viel Geld saniert wird. Das wird bestimmt ein Schmuckstück und wertet die Innenstadt von Neustadt auf. Gedanklich war ich schon am angebotenen 5 Gang Piemont Menü: 

I CARNE CRUDA DI VITELLO CON TONNO FRESCO / II AGNOLOTTI AL RAGÚ CON SALSICCIA E FONDUTA / III FILETTO DI TROTA „MONTI E MARE“ CON BAGNA CAUDA / IV BRASATO DI GUIANCE DI BUE / PANNA COTTA oder IL FORMAGGIO

Natürlich hatten wir uns schon im Vorfeld über das Speisen-Angebot des Esszimers informiert. Einer der fachkundigsten Fleischschmecker und Steakvernichter der Südpfalz riet mir spontan zur Einkehr, „fleischlasteiges“ sollte Küchenchef Manthey wohl besonders gut hinbekommen.


Wir sind die ersten Gäste und werden schon vom Kellner in Augenschein genommen. Leider zeigt er uns den „miesesten“ Platz im Gastraum, vor der Tafel in der hinteren Wand mit direktem Blick zu den Sanitäranlagen. Unser Jubiläum haben wir uns ganz anders vorgestellt. Auch nach Nachfrage bekommen wir keinen besseren Platz, die Fensterplätze seien für Stammgäste reserviert. Was auf uns eher negativ wirkte, werden also Stammgäste neuen Gästen vorgezogen? Anscheinend schon. Wenn dass meine Tante wüsste, sie ist eine von denen die den ganzen Tag schreit „alle Frauen sind vor dem Gesetz gleich“.


Wir bekommen die Weinkarte, als auch die a´la Card-Karte, werden aber gleich auf das angebotene Menü und die Spezialitäten an der Tafel angesprochen. Nachdem wir uns für einen Aperitif in Form eines Faust Hefes 0,5 und einen alkoholfreien Hugo entschieden haben, bekommen wir einen Gruß aus der Küche. Geschäumte Erbsensuppe und Knusper Stangen:

Erster Eindruck, sehr gut.


Im eigentlichen Gastraum reihten sich die sauber eingedeckten Tische sehr dicht aneinander. Für unseren Geschmack schienen die Tischabstände zu knapp bemessen. Im Laufe des Abends füllte sich der Gastraum und wir bekamen leider jedes Wort vom Nachbartisch mit, an dem saß leider eine „Männer hassende“ Ehe-Frau mit Ehemann (der einem Leid tun konnte) sowie derer Tochter. Mich lachte der Primitivo sowie ein Rotwein- Cuvee an (mit Syrah, Cabernet etc), ich fragte den Kellner was denn am besten zum Primitivo passen würde, er empfahl mir das Spanische Iberico Rückensteak – was natürlich gar nicht zu meinem Grundgedanken passte:

Tartar vom Kalb / roh marinierter frischer Thunfisch / Thunfischsoße / Kapern / Sardellen dann Geschmorte Ochsenbäckchen in Barolosoße / karamellisierter Spitzkohl mit Pancetta / getrüffelte Polenta dann Käseauswahl / Feigensenf / Aprikosensenf / Früchtebrotcracker / Grissini 

so hatte ich mir das eigentlich auf der Herfahrt vorgestellt. Meine Frau nahm dann das Menü als 3 Gang, änderte aber den Hauptgang ab, leider wurde ihr darauf die Einzelpreise auf der Rechnung berechnet, schade. Ich entschied mich für ein selbst zusammengestelltes 3 Gang Menü aus der feinen Standard Karte. 


Nach dem Gruß aus der Küche mussten wir einige Zeit warten bis der erste Gang aufgetischt wurde, ca 40 Minuten. Wo ich dann auch beim Negativen bin. Von den Preisen könnte man hier ein ambitionierteres Niveau erwarten, das ist es insgesamt hier (leider) nicht. Der Kellner verrichtet seinen Job, lächelt zwischendurch, aber das „ich tue alles damit Sie sich wohlfühlen“ haben wir beide vermisst. Mehr eine Weinstube mit ambitionierten Gerichten als ein Restaurant aus der Rubrik: gepflegte kreative Küche.

Ich hatte dann Pech dass mir 30 Minuten die Sonne direkt ins Gesicht strahlte, denn die Vorhänge waren mehr „Deko“ als sinnvoll ausgewählt, die Fenster damit richtig zuziehen konnte man sie nicht. Aber was danach kam, glich die vorangegangenen kleine Missgeschicke aus. Endlich, nach gefühlt zwei Jahren bekam ich ein Hand geschnittenes Rindertartar. TARTAR VOM RINDERFILET – PIEMONTESISCH oder: 

Tartar vom Rinderfilet, Kartoffel-Trüffel-Creme, rotes Zwiebelconfit, frischer Sommertrüffel, Kartoffelstroh, Taggiaolivenöl von Venturino.


Hammer!! Ich lehne mich aus dem Fenster, zusammen mit der Vorspeise bei Wolfgang Becker in Trier die beste bisher gegessene Vorspeise. Das Tartar hervorragend gewürzt, die Kartoffel-Trüffel-Creme ein Traum, Crunch gab es von den zalreichen Kartoffelstroh. Ein Gedicht. Auch meine Frau war voll des Lobes für ihr 

CARNE CRUDA DI VITELLO CON TONNO FRESCO auf deutsch:
Tartar vom Kalb / roh marinierter frischer Thunfisch / Thunfischsoße / Kapern / Sardellen. Auch ausgezeichnet schmeckend und von der Anrichte weit weg von bodenständigem, gutbürgerlicher Weinstube Essen. Danach leider wieder 30 Minuten nichts, kein Brot, keine Gemüsechips, so das wir beide richtig Hunger hatten. Nach knapp 2 Stunden kamen dann die Hauptgänge: RÜCKENSTEAK VOM IBERICO-EICHELMASTSCHWEIN 220 GRAMM 

The BIG GREEN EGG sowie OKTOPUS KNUSPRIG – Sous vide gegarter Oktopus, dünn geschnitten, kross gebraten, Kartoffelwürfel, Frühlingslauch, Kartoffelcreme, Bottarga für sportliche 26,50.


Beide Gerichte waren sehr ansprechend in Szene gesetzt. Mir hatten es besonders die in getrockneten Tomatenpulver und einer Würze-Mischung gebadeten Kartoffel Sticks angetan, aber natürlich war das Highlight das Iberico. Anfangs war ich etwas skeptisch, da das Stück sehr fettig war, aber ich ließ wirklich kein winziges Stück zurück. Ein Traum von Fleisch und bestimmt nichts für Filet- bzw Hüftjunkies. Auch meine Frau war voll des Lobes. Besonders hat es ihr gefallen, dass der Oktopus auf verschieden Art und Weisen zubereitet worden ist. Mit Crunch, blank, geschmort und gebraten. Nach dem Hauptgang war uns klar: Der Manthey, der kann was.Das Iberico-Rückensteak war wunderbar rose im Innern, schön saftig, hervorragend gewürzt. Das ganze konnte man noch mit geräuchertem Meersalz und frischem gemahlenen Piemont Pfeffer upgraden. Ich schmeckte Spanien heraus, ich dachte an Fernando Alonso, der einst im Benetton Renault Weltmeister wurde.


Danach mussten wir wieder leider knappe 35 Minuten verstreichen lassen bis wir schließlich unsere Desserts serviert bekamen. Meine Frau hatte die Panna Cotta vom Menü gewählt. 

Es stellte sich heraus, dass auf der Panna Cotta noch ein Zwetschgen-Kompott war, dazu gab es Haßelnusseis nebst weißem Schokoladenschaum und dunklen Schokoladen Kügelchen, die am Gaumen aufsprangen (eine Art dunkle Schokoladen Kaviar). Begeistert war auch ich, ich hatte die Dessert Variation. 

Ich erfreute mich über Crème Brûlée mit eingelegten Aprikosen, warmer Schokokuchen mit Vanilleeis, weißes Schokoladen Panna Cotta mit marinierten Himbeeren. Ich probierte fast jede Kombination, bis am Ende das Dessert komplett leer war.


Fazit:
Das Essen verdient zu Recht Höchstpunktzahl, auch die Preise sind fair, auch wenn sie im ersten Moment als zu hochpreisig dem Gast vorkommen.  Was uns aber gestört hat: die extrem langen Pausen zwischen den Gängen. Gerne hätte auch der Kellner mal zwischendurch fragen können, ob wir denn noch was trinken wollen, so blieb am Ende die Rechnung knapp unter der magischen 150 Euro Grenze. Gerne wieder – allerdings keine uneingeschränkte Empfehlung !!!

Diese Kritik ist auch auf meinem Daueresser Food | Blog zu sehen:
http://daueresser.de/ein-fest-fuer-carnivoren-kulinariker-schnaeppchen-macht-man-hier-aber-keine
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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